Vodka mit Ernst Thälmann

  Kirgistan | Tian Shan

Kirgistan

Vodka mit Ernst Thälmann

Fotos: Sebastian Marx   Fahrer: Sebastin Dörr, Sebastian Marx, Nikolai Holder    Text: Nikolai Holder

Mit Zweifel im Blick schauen Basti und ich auf Sebastian zurück. Lethargisch trabt er mit seinem Fahrrad auf dem Rücken gute zweihundert Meter hinter uns. Die ganze letzte Nacht hindurch erbrach er sich - das erste Mal in Ermangelung einer Alternative direkt in unseren einzigen Kochtopf, um Zelt und Schlafsäcke nicht zu versauen. Fraglich, ob er dabei die Prioritäten richtig gesetzt hat.

Jedenfalls ist es wenig verwunderlich, dass uns am Morgen die Konsistenz von Porridge in ausgerechnet diesem Topf nicht besonders zusagte. Außerdem verflüssigte ein heftiger Regenfall während des Aufstiegs am Vortag all unseren schlecht verpackten Zucker. Es gab also lediglich Wasser mit Haferflocken. Gelinde gesagt kein idealer Beginn für die bevorstehenden zweitausend Höhenmeter reine Tragestrecke. Aber ich habe mich ohnehin schon damit abgefunden, dass wir unser Vorhaben abbrechen werden müssen. Schließlich hat Sebastian am Morgen vielmehr Ähnlichkeit mit einer Leiche, als mit einem lebedingen Menschen. Ein weiterer Ruhetag war nicht drin, da der Flieger in die Heimat nicht warten würde. Aber er blieb stur, zwang sich zwei Löffel "Porridge" in den Mund und versicherte, den Aufstieg wagen zu wollen.

Wir befinden uns in Kirgistan. Genauer gesagt südlich von Karakol, mitten im Terskej-Alatau Gebirge, wo wir einen beinahe viertausend Meter messenden Gipfel oberhalb des Alaköl-Sees besteigen wollen. Die Erhebung trägt scheinbar keinen Namen, weshalb wir hoffen, die Ersten zu sein. Ein steiler, teilweise nervtötend zugwachsener Pfad führt entlang eines Flusslaufes bergauf. Ständig verhakt sich irgendein Ast oder Strauch in den Rädern, was die ohnehin angespannte Stimmung nicht gerade hebt. Sebastian ist kreidebleich im Gesicht, weshalb mein schwacher Glaube daran, dass er diesen Aufstieg schafft, zunehmend schwindet. Immer wieder legt er sich flach auf den Boden, als wäre er bereit den Erschöpfungstod zu akzeptieren.
Vier Tage wird die ganze Unternehmung benötigen, weshalb samt Essen, Ausrüstung und Fahrrädern jeweils in etwa dreißig Kilogramm auf unseren Schultern lasten. Das Ganze verpackt in dreißig Liter Rucksäcken und unhandlichen Gepäckrollen an unseren Lenkern sorgt nicht für idealen Tragekomfort. Mein Selbstmitleid schwindet jedoch etwas, als wir zwei Highliner aus Deutschland treffen, die samt Steinbohrer und Kletterequipment jeweils vierzig Kilo schleppen. Leichter wird es dadurch aber auch nicht.

Kirgistan

Auf Grund des miserablen Frühstücks und der mangelnden Versorgung unterwegs, steuere ich zunehmend auf meine Belastungsgrenze zu. Je näher ich dieser allerdings komme, desto meditativer geht es voran. Immer weiter driften meine Gedanken vom eigentlichen Aufstiegsprozess ab. Wie ein Trommel spielender Sklaventreiber peitscht ein hoher Wasserfall auf riesige Felsen. Es entsteht ein dumpfer Takt, an den sich meine Schrittgeschwindigkeit unterbewusst anpasst. Meine Füße gleiten daher beinahe unbemerkt aneinander vorbei. Alles funktioniert automatisch, es schwirren ausschließlich die vergangenen vier Wochen durch meinen Kopf.
Um sechs Uhr morgens kamen wir in Bischkek, der Hauptstadt Kirgistans, an. Entsprechend gerädert überforderte uns der hektische Großstadtrummel, weshalb wir noch am selben Tag das Weite suchten. Auch wenn in Kirgistan nur etwa fünfeinhalb Millionen Menschen leben, scheinen in Bischkek mehr Autos zu verkehren als am Big Apple. Außerdem wird aggressiver gefahren und mehr gehupt. Verdutzt standen wir minutenlang an einer Kreuzung, ohne dass auch nur einmal die schrille Komposition aus verschiedenen Hupen verstummte.
Schon aus Bischkek sah man die schroffen, schneebedeckten Gipfel des Kirgisischen Alataus. Dort befindet sich der Ala-Artscha-Nationalpark, der das erste Ziel unserer Reise darstellte. Bereits zwei Tage später befanden wir uns am Fuß des Ak-Sai Gletscher, der Ausgangspunkt vieler Gipfeltouren ist. Hier ist jedoch ohne Kletterausrüstung nichts zu holen, weshalb wir uns voller Vorfreude zurück ins Ala-Artscha-Tal stürzten. Wir folgten einem schmalen, ausgetretenen Pfad entlang einer Schlucht, die der Ak-Sai Fluss gegraben hat. Immer wieder kam man dabei gefährlich nahe an den Abgrund, doch der einfach zu befahrene Pfad lädt zum Offenlassen der Bremsen ein. Hinter mir ertönte ein Kanon aus Freudenschreien während uns eine Gruppe Trekkingreisender lautstark anfeuerte. Stellenweise erodierte der Regen den Weg so sehr, dass richtige Steilkurven entstanden, die einem ein grenzdebiles Grinsen ins Gesicht meißelten. Ob hier wohl auch die vielen Radfahrer schuld waren? Uns war es in diesem Moment egal, denn dieser Einstand in Kirgistan war ganz phänomenal. Außerdem warteten noch zwei weitere Projekte im Nationalpark auf uns, weshalb ich den Anbruch des kommenden Tages kaum erwarten konnte. Sie standen dem ersten Erlebnis in keinster Weise nach, hielten sie neben flowigen Parts doch sogar zusätzlich einige Spitzkehren parat. Jeder einzelne Pfad startet auf über 3000 Metern. Man konnte mit allem rechnen, aber sicher nicht mit drei sagenhaften Abfahrten in den ersten fünf Tagen.

Die Euphorie dieser Tage hat mich beinahe schon eingeholt, als Bastis Hand auf meiner Schulter die Realität zurückbringt. Immernoch befinden wir uns im Aufstieg und Sebastian liegt ein weiteres Mal starr auf dem Wiesenboden. Man kann bereits den Pass erkennen, wobei ich mir unsicher bin, ob ich mich darüber freuen sollte oder nicht. Auch wenn es nicht mehr allzu weit sein dürfte, wird die nochmals steiler Bergflanke von viel Geröll und einigen Latschen gesäumt. So langsam kommen in mir Zweifel auf, ob der Abstieg ins andere Tal überhaupt besser aussehen wird. Die Vorstellung, nach so viel Quälerei bergauf keinen fahrbaren Meter bergab zu finden drückt auf meine Stimmung. Google Earth und wenige Wanderberichte stellten unser einziges Informationsmaterial dar. Militärkarten der UdSSR brachten auch keinen sonderlichen Mehrwert. Bergführer in Karakol erklärten uns darüber hinaus für verrückt und versicherten uns, dass wir nicht fahrend den Berg hinunter kommen werden. Basti bleibt allerdings optimistisch und treibt uns weiter an.
Nach neun Stunden erreichen wir auch tatsächlich den auf 3532 Metern gelegenen Alaköl-See. Es ist mir ein Rätsel, wie Sebastian in seinem Zustand diesen Aufstieg bewältigen konnte. Daher kann ich ihm auch nicht böse sein, als er in einem Moment der Unachtsamkeit die fast fertig gekochten Nudeln vom Kocher wirft. Immerhin, sie schmecken auch vom Boden, nicht zuletzt weil wir dabei den Sonnenuntergang hinter den über fünftausend Meter hohen Berggipfeln der Umgeben bestaunen können.
Schon am Yssykköl-See, dem zweitgrößten Bergsee der Erde, übertrafen sich die Sonnenuntergänge täglich, was besonders den rot schimmernden Lehmhügeln zu verdanken ist, die sein Ufer zieren. Ab und an wichen wir von unserer Route ab, nur um einige dieser Hügel zu befahren. Ganze Tage verbrachten wir damit immer wieder die kaum einhundert Meter hohen Erhebungen hinauf zu schieben und hinab zu fahren. Allerdings blieb auf den schmalen Ridgelines nicht viel Platz für Fehler, schließlich geht es links und rechts zu meist gute zwanzig Meter in den Abgrund. Aber diese Miniaturausgabe der Rampage fährt sich einfach enorm spaßig. Zumindest solange, bis Regenfälle den Lehm zu einer undurchdringlichen Masse verklebten.

Generell hatten wir häufig Pech in Sachen Wetter. Doch für den Aufstieg zum Alaköl-See scheinen wir das richtige Fenster erwischt zu haben. Auch am nächsten Morgen werden wir von Sonnenstrahlen geweckt. Der restliche Weg zum Gipfel wird nochmal steiler und nochmal loser. Aber heute ist die Motivation so überschwänglich, dass wir nahezu hinauf fliegen. Spätestens beim Anblick der letzten Rampe kommt der Drang zum Sprinten auf. Als wir dann endlich auf dem Gipfel die Räder von den Schultern heben, offenbart sich uns eine Aussicht, die alles übertrifft, was ich je sehen durfte. Während der Alaköl-See zu unseren Füßen in nahezu unrealistischem türkisblau schimmert, werden wir von gletscherüberzogenen Bergriesen umringt.

So viel Glück scheint uns jedoch nicht vergönnt, weshalb das Wetter binnen weniger Minuten komplett kippt. Dichte, schwarze Wolken ziehen auf und entleeren sich in einem schmerzhaften Hagelschauer. Aber wirklich getrübt wird unsere Stimmung nicht, denn der Blick ins Tal offenbart einen kilometerlangen Trail, der sich handtuchbreit ins Tal schlängelt. Wir schneiden durch den Hagel und rutschen die glitschigen Steine hinunter. Meine Finger sind beinahe gefroren, doch der Pfad verlangt mit seinen Spitzkehren nach Feingefühl. Plötzlich hält Sebastian an, da er sich einen Plattfuß eingefangen hat. Mitten im Hagel wechselt er unter schallendem Gelächter den Schlauch. Wir zittern erbärmlich, aber diese Abfahrt lässt alles vergessen. Es findet sich die komplette Palette des Mountainbikens wieder. Während der obere felsige Part noch von schwierigen Spitzkehren und technischen Stellen übersät ist, wandelt sich der Pfad zunehmend zu einem Wiesentrail, den man von Hand nicht besser hätte anlegen können. Kleine Sprünge über Felsen, dann wieder komplett wurzel- und steinlose Passagen, bevor es erneut ordentlich rumpelt. Unsere Arme brennen, aber der Endorphinrausch verbietet ein Anhalten. Lediglich wenn wir den reißenden Bergbach queren müssen, steigen wir schweren Mutes von den Rädern. Obwohl ich bereits restlos begeistert bin, scheint uns der Berg noch mehr für die Strapazen entschädigen zu wollen. Wir tauchen in einen dichten Nadelwald ein, der mit dem dafür typischen, extrem griffigen Boden aufwartet. Wir wirbel Staub und Nadeln in die Luft, während ein paar weitere Wanderer johlen. Rechts von uns blickt bereits der Talboden durch. Je weitere wir absteigen, desto flacher wird der Pfad, bis er in ein Auf und Ab entlang des Ak-Suu Flusses übergeht. Mit voller Kraft treten wir in die Pedale um die letzten Meter zu genießen. Die Oberschenkel brennen, allerdings auf beste Art und Weise. Dieses Gefühl das Ziel erreicht zu haben ist unbeschreiblich. Am Ende des Trails werden wir wieder in die Zivilisation entlassen, als wir die heißen Thermalquellen Altyn Araschans erreichen. Nach anfänglichen Zweifeln entpuppt sich diese Abfahrt als das Highlight unserer fünfwöchigen Reise und setzt somit den bestmöglichen Schlusspunkt für unser Abent

Impressionen

Kirgistan ist zwar zu 94 Prozent mit Bergen bedeckt, doch das Land bietet mehr als "nur" überragende Naturschauspiele. Die Einheimischen sind unfassbar freundlich, hilfsbereit und interessiert. Kein Tage vergeht ohne vielfache Begegnungen und - allen Klischees entsprechend - Einladungen zum Vodka. Viele Männer waren als Soldaten in der DDR stationiert und fühlen immernoch eine besondere Verbindung zu Deutschland. Grund genug, speziell gegenüber uns enorme Gastfreundschaft zu beweisen und uns über den deutschen Fußball aufzuklären. Nie habe ich Menschen getroffen, die sich besser mit der deutschen Nationalmannschaft auskannten.