Kapitel III

Fotos: Felix Hummel          Text: Nikolai Holder

Personae non gratae

Neben unzähligen positiven Begegnungen, Gastfreundschaft und inspirierenden Personen bleiben  leider niemals die gegenteiligen Erfahrungen aus. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche und sollte auch dieses Mal nicht anders sein. Meine persönlichen Favoriten beschränken sich dabei auf drei Fälle:

Auf Grund der schieren Entfernungen in der Türkei waren wir für manche Zwischenstücke auf die zahlreichen Busverbindungen angewiesen. Dabei waren wir keine drei Stunden in Ankara, bevor wir unsere erste zwiespältige Erfahrung machen mussten. Um fünf Uhr morgens befinden wir uns vor dem Zentralen Omnibusbahnhof Ankaras. Die Dimensionen dieses Baus sind vollkommen absurd und ähneln viel mehr einem Flughafen, als der westlichen Vorstellung eines Busbahnhofes.

A Story about cows 3

Gerädert von der schlaflosen Nacht im Flugzeug warten wir vor den Hallen darauf, dass die Ticketschalter öffnen, als drei Kerle in unserem Alter auf uns zu kommen. Sie fragen, ob wir nach einem Bus suchen würden und legen schon Hand an unser Gepäck, bevor wir überhaupt etwas sagen können. Wir müssen die Schachteln regelrecht festhalten, so dass sie nicht augenblicklich mit ihnen davonstürmen. In der Innenstadt warte ihr Bus, der uns hinfährt wo wir wollen. Längst ist klar, dass es sich nicht um ein seriöses Angebot handelt. Immer wieder versuchen wir mit zunehmend eindringlichem Ton zu vermitteln, dass sie gefälligst ihre Finger von unseren Sachen lassen und einen Schritt zurück treten sollen. Zuletzt reißen wir ihnen unser Gepäck schlicht aus der Hand und flüchten in den Busbahnhof. Unbeirrt folgen sie uns und reden weiter auf uns ein. Von Müdigkeit getrieben platzt uns beinahe der Kragen, was auch sie langsam zu spüren scheinen. Nur wenige Minuten später ziehen sich zwei der drei Plagegeister zurück. Nur einer bleibt einige Zeit hartnäckig, wird jedoch letzten Endes von unserem Desinteresse für seine Anwesenheit vertrieben.

Doch auch die offiziellen Busfahrer spielen ihre Spielchen mit uns. Während uns am Ticketschalter noch versichert wird, dass unser Gepäck ohne zusätzliche Kosten befördert werden wird, verlangt der Busfahrer auf einmal zwanzig Lire pro Nase. Noch unwissend über das Wesen türkischer Busfahrer bezahlen wir einfach. Allerdings wandert das Geld nicht in die mit dem Firmenlogo bestickte Geldtasche, sondern direkt in den privaten Geldbeutel des Fahrers. Uns ist es aber nahezu egal. Wir sind lediglich froh, endlich auf dem Weg ins pontische Gebirge zu sein.

Generell sind die Busfahrer eine geschäftstüchtige Gruppe, die, verständlicher Weise, jede Gelegenheit ergreift, Ausländer über den Tisch zu ziehen. Doch bleiben sie ironischer Weise sehr fair dabei. Bemerkt man ihre List, bleibt beharrlich und weist sie darauf hin, sind sie durchaus kooperativ. Ein etwas harscherer Ton schadet jedoch nicht, um diese Kooperationsbereitschaft zu wecken. So sitzen wir auf dem Weg nach Georgien in einem kleinen Dolmuş, der uns eigentlich vom Vansee bis zurück an die Schwarzmeerküste bringen soll. Unsere Räder sind "fachmännisch" auf dem Dach verstaut, so dass mir bei jedem Schlagloch - und die sind alles andere als selten - ein leichter Schauer den Rücken hinab läuft. Irgendwann halten wir in einer etwas größeren Stadt. Wo diese lag oder wie sie hieß, weiß ich nicht mehr, denn dieser Stop stand eigentlich nicht auf der Agenda. Wir sind die letzten verbliebenen Mitreisenden, weswegen der Busfahrer wohl urplötzlich der Meinung war, dass diese Fahrt nicht weiter lukrativ für ihn sei. Wir sollen aussteigen, sein Kollege würde uns weiter mitnehmen. Natürlich weigern sich alle unsere Instinkte, dem Befehl Folge zu leisten, doch sind wir halbwegs zuversichtlich, als sich neuer und alter Fahrer unterhalten, er auf uns zeigt und rüber winkt. Allerdings werden wir kurz vor der Abfahrt dann doch erneut zur Kasse gebeten. Schon etwas geschult bezüglich solcher Maschen weigern wie uns, legen das Gepäck in den Dolmuş und setzen uns einfach demonstrativ hinein. Tatsächlich hält die Diskussion nur noch kurz an, bevor er uns zähneknirschend mitnimmt. Dieses Feilschen und Grenzen ausloten ist sicher Produkt der arabischen Kultur und im Vorfeld der Reise, wie auch bei den ersten Malen, erscheint es uns auch ganz charmant und erfrischend. Doch nachdem man zum dreihundertvierundachzigsten Mal versucht hat uns irgendwie übers Ohr zu hauen, verfliegt die Freude darüber. Tatsächlich sind wir recht froh, in Kürze Georgien zu erreichen und einen neuen Kulturkreis kennen zu lernen. In Tiflis sollen wir auch auf mein persönliches Highlight in Sachen Skurrilität treffen.

Our lovely F***khole

Wir sind verabredet mit Tom und Ryse, zwei Engländer, die wir in Batumi kennengelernt haben. Sie sind bereits vor einigen Monaten in ihrer Heimatstadt mit dem Reiserad gestartet und wollen am Ende bis Indien fahren. Dabei sammeln sie über einige kleine Sponsoren für jeden gefahrenen Kilometer Spenden. Der Erlös geht an ein Weisenheim in ihrer Heimat. Wirklich großartige Charaktere, auch wenn womöglich noch mehr Geld zusammengekommen wäre, wenn sie für jeden getrunkenen Liter Alkohol Spenden bekommen hätten. Schon in Batumi hatten wir eine wilde Zeit mit ihnen. Dass Felix und ich nach einer durchzechten Nacht textillos im kuschligen Ehebett aufgewacht sind, unwissend wie es dazu kam, sei nur am Rande erwähnt. Nun sollen wir jedenfalls nach Tiflis kommen. "Our lovely f***khole" nennen sie liebevolle das billigste Hostel Tiflis, indem sie schon einige Zeit ausharren, um auf das iranische Visum zu warten. Bei der Unterkunft handelt es sich um einen im Kellergeschoss gelegenen, grob verputzten großen Raum, dessen "Zimmer" im Stil von Umkleidekabinen abgesteckt sind. So sind alle Schlafräume nach obenhin offen und nur mit Sperrholzplatten verkleidet. Schlaf findet man hier unten nicht viel, denn für umgerechnete drei Euro die Nacht wartet die Herberge mit Abendessen und einem bodenlosem Fass an Wein auf. Entsprechend lautstark fallen auch die Nächte aus. Der Wein ist zwar schrecklich und jeder halbgare Sommelier würde die rote Plörre eher als Essig bezeichnen, aber geschenkt schmeckt alles.

So scheint das auch Madame Skurril gesehen zu haben. Bereits auffallend torkelnd kämpft sie sich in viel zu hochhakigen, schwarzen Lacklederstiefeln die Treppen zum Hostel hinunter, während sie aus voller Kehle den Namen eines Mannes schreit. Panisch stürmt ein Gast vom Tisch. Entweder verängstigt von der Rocklänge, die ihre Krampfadern in bestes Licht rückt, dem Ausschnitt, der nicht gänzlich ihrer Figur angepasst scheint, oder ob der Tatsache, dass eine schreiende, betrunkene Frau ihres Kalibers meist nichts Gutes zur Folge hat. Zielstrebig wankt sie auf die Zimmertür des geflüchteten Mannes zu und hämmert mit Inbrunst dagegen. "I WANT SEX, I WANT SEX, NOW!!!" Ein langgezogenes "no" gefolgt von einem "not again" schallt mehrfach durch die Wände. Keiner der Anwesenden kann sich das Lachen verkneifen, woraufhin sich die Dame so energisch umdreht, dass sie beinahe von der Rotation umgerissen wird. Mit einem laut stampfenden Ausfallschritt kann sie gerade noch ihr Gewicht abfangen, bevor sie auf unseren Tisch zustürmt. Ihre schlechten Extensions wedeln wie die Schlangenhaare Medusas umher und stechen sogar mir als Modelegastheniker ins Auge. Schlagartig erstarren alle Mienen zu Salzsäulen und wir senken unsere Blicke, als würde dies nur irgendwie das Bevorstehende abwenden. Wie quietschende Kreide zieht sie einen Stuhl hinter sich über den Steinboden und kommt tatsächlich an unserem Tisch zum Stehen. Weingläser schwappen über als sie ihren Ellenbogen mit unkontrolliertem Schwung auf dem Tisch abstützt. Eine unglaubliche Wolke aus Zigarettenduft, billigem Parfum und Alkohol verbreitet sich in unseren Nasenhöhlen, so dass jede Zelle des Körpers ein erneutes Luftholen verbietet. Die wackligen Stuhlbeine ordnen sich unter ihrem Gewicht zu einem "X" an und drohen die Metallwinkel aus dem morschen Holz zu lösen. Sie holt Luft und fährt mit ihrem russischen Akzent fort. "I want to get f***ed! Now!" Jeder befürchtet bereits, potentiell ausgewählt zu werden, um ihr Defizit zu stopfen. Lediglich bei einem Gast aus dem Yemen bin ich mir nicht vollständig sicher. Nach außen hin gibt er ebenso den Geekelten, doch sein auf- und abschweifender Blick lässt dieses gewisse Funkeln in seinen Augen entstehen, das kein Pokerface verbergen kann. Uns soll es recht sein. Schnapp sie dir Tiger! Dann fügt sie allerdings hinzu "by him. By my man. He's loving me. I can feel it when he is peeing on me." Verwirrte Blicke treffen ekelnde, entsetze treffen vor Lachen tränende Blicke. Wir gehören mit Tom und Ryse zu letzterer Gruppe und kippen in einem Anfall von Schnappatmung beinahe von den Stühlen. Den ganzen Abend werden wir vom Wechselspiel ausufernd detailreicher Sexgeschichten und verzweifelten Versuchen, ihren liebenden Mann aus seinem Zimmer zu locken, unterhalten. Irgendwann öffnet er auch tatsächlich die Tür. Vielleicht wegen Harndrang? Klingt nach einer Win-Win-Situation für beide. Für uns klingt es aber vor allem nach dem Signal, das Weite zu suchen. Andere bleiben. Mutig!

 

Synchronisierung

Unaufhörlich nähert sich die bleiche, porzellanartige Fratze meinem Gesicht und starrt mit seinen tief schwarzen Knopfaugen direkt in meine Pupillen. Eingefallene Wangen unterbrechen als Einziges das konturlose Antlitz und laufen in dreieckiger Form auf die unnatürlich großen Lippen zu. Angeschwollen wie durch tausende Wespenstiche scheinen die zart rosaroten Wulste gar zu groß, um den Mund vollständig zu schließen, so dass die Ansätze einiger spitzer Zähne zu sehen sind. Weiter nähert sich das Wesen in Zeitlupentempo meinem Gesicht an, als es nur weniger Zentimeter davor zum Stillstand kommt. Dann beginnt die Fratze damit, sich langsam im Uhrzeigersinn um eine horizontale Achse zu drehen. Erst fünfundvierzig, dann neunzig, dann hundertachzig Grad, bis sie letztlich verkehrtherum zu mir aufblickt, ohne auch nur einmal zu blinzeln oder den Fokus zu verlieren. Längst schreien alle Synapsen nach Flucht, doch keine Muskelzelle scheint auf die verzweifelten Befehle zu reagieren. Ich spüre, wie meine Schulterblätter mit der harten Holzpritsche, auf der ich gebettet liege, förmlich verschmolzen sind. Auch meine Fersen und Ellenbogen sind Teil des Gestells geworden. Wehrlos schaue ich den ruckartig schnappenden Sehnen zu, die unverhältnismäßig lange Arme über die Schultergelenke rotieren lassen. Als würde ein Marionettenspieler-Lehrling die Gliedmaßen steuern, zucken sie in anatomisch unkorrekter Manier heftig durch die Luft. An ihrem Ende befinden sich ebenso verwunderlich lange Finger, die in unregelmäßig abgebrochenen, roten Fingernägeln enden. Im Rhythmus einer Sinuskurve steuert der ausgestreckte Zeigefinger auf meinen Augapfel zu. Mit aller Kraft versuche ich mich von meinen Fesseln zu lösen. Vergebens. Als der rote Fingernagel beinahe an meinem Auge kratzt und ich mich schon damit abgefunden habe nun mein Augenlicht einzubüßen, lösen sich schlagartig alle Bindungen auf. Ich schieße durch den Schleier, wie ein Taucher kurz vor dem Ersticken durch die Wasseroberfläche. Das Wesen verschwindet, die harte Pritsche bleibt. Aufrecht sitze ich starr in meinem klamm geschwitzten Schlafsack. Nirgends kann ich eine Person entdecken. Lediglich sieben weiter Betten und einen tief schlummernden Felix. Aufgewühlt schiele ich im Glauben, irgendetwas übersehen zu haben, erneut von einem Bett zum nächsten. Nichts! In der Mitte des Raumes befindet sich ein massiver Holztisch, der von meiner Liege nicht vollständig einsehbar ist. Sollte er sich dort verstecken? Quatsch doch nicht rum! Du weißt, es war ein Traum. Langsam bequemen sich die körpereigenen Enzyme, das ausgeschüttete Adrenalin abzubauen. Rationalität nimmt wieder seinen angestammten Platz ein. Weiter schaue ich mich in der Hütte um. Viel zu entdecken gibt es nicht, aber die Behausung des georgischen Borjomi Nationalparks ist eigentlich sehr komfortabel. Zumindest, wenn man seine Isomatten nicht aus Platzmangel gegen Essensvorräte eintauschen muss.

A Story about cows 3
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Drei Tage sollen wir brauchen, um den höchsten Berg, den Sameckhvario, zu erreichen. Das bedeutet zwei Nächte auf Holzbrettern. Das dürften wir überleben. Gaga Mumladze, der Leiter des Nationalparks, erklärt uns für verrückt, als wir unser dreitägiges Permit in der Rangerstation einholen. Noch nie sei jemand mit dem Fahrrad dort gewesen. Man müsse sich selbst verpflegen, die Räder tragen, Stock und Stein, bla, bla, bla. Die ewige Leier. Wann lernen die Leute endlich, dass wir nicht aus unseren Fehlern lernen?

Vor einigen Tagen kamen wir von Tiflis kommend in Bojormi an, nun verbringen wir die erste Nacht unserer dreitägigen "Expedition" im Nationalpark. Immernoch sitze ich auf meiner Liege und spüre wie kleine Schweißperlen in der Zugluft des undichten Fensters auf meiner Stirn kondensieren. Am Horizont zeichnet sich bereits der magentafarbene Schimmer des bevorstehenden Sonnenaufgangs ab. Ich beschließe, den Mund der Morgenstunde auf seinen Goldgehalt zu untersuchen und sammle Holz, um unser reichhaltiges, ausgewogenes Frühstück zuzubereiten. Letzten Abend gab es Nudeln. Die wird es auch heute Abend geben. Und die wird es auch am Morgen geben. Und genauso am Morgen des folgenden Tages. Zumindest sofern die Vorräte so lange reichen. Garniert wird das Ganze mit ein paar Nüssen und getrockneten Früchten. Am ersten Tag gab es sogar ein wenig Tomatensauce dazu. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Felix tritt zum Frühstück an und erzählt mir von seinem verrückten Traum. Ein blasser Mann, lange Arme, lange Finger, hager, ganz dicht an seinem Gesicht, dann ist er aufgewacht. Wie bitte? Genau denselben Traum, den ich hatte? Frauen, die viel gemeinsame Zeit verbringen, sollen ja ihre Periode aneinander angleichen. Vielleicht sind Träume das männliche Äquivalent? Wobei ich mir unsicher bin, was schlimmer ist. Solch ein Alptraum, oder eine Horde gleichzeitig menstruierender Frauen. Vielleicht war aber doch jemand nachts in der Hütte und wir konnten lediglich seine Karikatur durch die im Schlafmodus befindliche Wahrnehmung erkennen? Zufriedenstellend erscheint uns keine der beiden Erklärungen. Vermutlich gibt es auch keine logischere Erklärung, als den Zufall. Sollte es tatsächlich dennoch eine reale Person gewesen sein, darf diese gern nochmal am Tag auftauchen, um uns ein wenig Gepäck abzunehmen. Dann kriegt er auch mal ein wenig Farbe im Gesicht.

A Story about cows 3
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Heute warten die finalen 1300 Höhenmeter, die mal wieder mit einer 300 Höhen- bzw. Tiefenmeter Grube gespickt sind und so einige Schiebe- und Tragemeter bereithalten. Kurz unterhalb des Gipfels gibt es eine weitere Hütte, die wir diese Nacht beziehen wollen. Der Weg, dieses Mal gibt es einen und dieses Mal finden wir ihn auch dauerhaft, zieht sich wundervoll durch die grüne Flora. Den ganzen Tag sehen wir keine andere Menschen. Lediglich eine Gruppe deutscher Jugendlicher begegnet uns zweimal. Sie haben zwar ohne Fahrräder ein höheres Gehtempo, verirren sich aber wiederholt, woraufhin sie ausgerechnet von uns auf den richtigen Weg zurückgelenkt werden. Eine Karte ist ja doch nicht so unnütz.

So schön die einsame Bergwelt auch ist, zeigt sie dennoch wieder ihre biestigen Klauen. Großteils schieben oder tragen wir, was mit einem fingerbreit Nudeln im Magen nicht wie gewohnt von statten geht. Die restlichen, bereits vorgekochten Nudeln müssen daher im kalten, zusammengeklebten Zustand ihrem vorzeitigen Ende ins Auge blicken.

A Story about cows 3
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Zwei fingerbreit für den restlichen Aufstieg. Kein fingerbreit für die Abfahrt. Wir haben noch genug Nüsse und Obst, um zwei durchschnittliche Fäuste zu füllen. Das sollte irgendwie reichen. Am Ende des Tages bleibt noch eine Faust über. Doch auch diesen Abend halten die georgischen Berghütten eine Überraschung parat - eine Positive. Von der maroden Holzdecke des etwas heruntergekommenen Baus hängt eine halbwegs üppig gefüllte Essenstüte. Wir haben sie nicht bestellt und sie ist auch definitiv nicht für uns. Oder vielleicht doch ein Geschenk unseres nächtlichen Besuchers? Wie dem auch sei, erst das Fressen, dann die Moral. Ganz frisch sind die Lebensmittel ohnehin nicht mehr. Daher gönnen wir uns eines der Fladenbrote. So viel mieses Karma muss man sich leisten können. Allerdings weiß ich nicht was trockener ist. Das Brot oder das getrocknete Obst? Kondensiert unser Atem in der kühlen Abendluft, oder hauchen wir Staub aus unseren Hälsen? Wasser wird daher ebenfalls langsam zum knappen Gut. Seit der letzten Hütte konnten wir die Flaschen nicht mehr füllen. So wiegt das Gepäck wenigstens wenig. Think positive. Irgendwie fällt der Gedanke zwar schwer, während man die Schulterblätter auf den harten Holzlatten ablegt, zwischen denen jeweils eine fünf Zentimeter lange Lücke klafft. Aber wie könnte man meckern, wenn einem gleichzeitig die blutrote Abendsonne auf 2500 Metern ins Gesicht scheint.

 

Vierbeiner der Gattung Specht

Paukenschlag! Die Wand wackelt. Die Pritschen wackeln. Wir wackeln, was ist das? Bleichgesicht? Nein, ein Bär! Paukenschlag! Hektisch schälen wir uns aus den Schlafsäcken und fallen beinahe über unsere eigenen Beine. Das Essen. Er muss es gerochen haben und will nun, naja, unsere Nüsse. Alles muss raus. Wir stellen sämtliche Lebensmittel vor die Tür und verbarrikadieren den Eingang mit jedem beweglichen Möbelstück. Paukenschlag! Dieses Mal an einer anderen Wand. Wir spähen aus dem Fenster. Es ist stockfinster. Eins, zwei, drei, vier Augenpaar schweben durch die Nacht. Vier Bären? Ich bin mir unsicher. Bären im Rudel? Vielleicht eine Mutti, die ihre hungrige Brut ernähren will. Werfen Bären so viele Junge auf einmal? Und nennt man es überhaupt werfen? Verdammt, bin ich Zoologe? Wir starren weiter aus dem Fenster. Die Augen schweben auf beachtlicher Höhe. Braunbären hatte ich kleiner in Erinnerung. Dann schießt seitlich kommend eines der Tiere direkt vors Fenster und knabbert beherzt am Fensterrahmen. Wir fallen vor Schreck rückwärts auf den Hosenboden und schauen dem verdutzten Blick eines schlichten Pferdes entgegen. Über die unnötige Panik grinsend rutschen wir an die nächstgelegene Wand und reiben uns die schlaftrunkenen Gesichter. Dann Gelächter. Dann Erstaunen. Geistig grenzdebil rennt eine ganze Horde Pferde, tatsächlich mindestens fünfzehn an der Zahl, wiederholt und unaufhörlich gegen die kleine Berghütte, kaut auf den Fensterrahmen herum und wiehert fröhlich durch die Nacht. Als sich unsere Augen an die Dunkelheit angepasst haben, können wir zunehmend erkennen, wie die Wildpferde durch die Nacht galoppieren. Ein wirklich beeindruckendes Erlebnis, dem wir mindestens eine halbe Stunde widmen. Aber potzblitz, kann man hier denn nicht einmal in Ruhe schlafen?

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Am nächsten Morgen sind die Wildpferde noch immer in der Nähe der Hütte. Sie rennen allerdings nicht mehr gegen sie, sondern in scheinbar gekonnten Formationen wild über das grüne Plateau. Der leichte Rotton der tiefstehenden Sonne verleiht der ganzen Szenerie das Flair einer Malborowerbung. Wir sitzen an der sonnenseitigen Außenwand und begutachten die Situation beim Frühstücken. Jeweils zwei Krümel getrocknete Aprikose sowie eine kümmerlich gefüllte Hand Erdnüsse müssen uns heute noch auf den Gipfel und ins Tal tragen. Aber es ist ohnehin nur noch ein Katzensprung.

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Den Aufstieg spulen wir in weniger als einer Stunde herunter, schießen oben einige wenige Beweisbilder für die Ehrentafel der Rangerstation und kehren wieder zur Malborowerbung zurück. Der Zustieg erweist sich als relativ unspektakulär, ist sogar von uns problemlos zu finden. Aber umso wundervoller zeigt sich der in Morgenröte getauchte Anblick des kleinen Kaukasus. In der Ferne erkennt man sogar die schneegepuderten Gipfel des großen Kaukasus.

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Auf dem Abstieg holt uns ein riesiger, militärisch anmutender Geländewagen ein. Aus seinen aufgerissenen Fenstern wummert der Bass feinster georgischer Technobeats. Ich ahne bereits Böses. Soldaten, die im Park patrouillieren müssen, gelangweilt von der Sinnlosigkeit der Aufgabe, vermutlich leicht angesoffen und gerade auf Krawall gebürstet, den man am aller leichtesten an irgendwelchen Touristen auslässt. Naja, wir haben ja unser Permit, sonst sollten wir nichts verbrochen haben. Vielleicht kommen sie aber auch wegen des Fladenbrotes? Ich kann mir schon die Sondersendung der Nachrichten vorstellen. "Militärische Großaktion im Borjomi-Nationalpark gestartet, um flüchtige Fladenbrotdiebe zu stellen. Sie sind gefährlich und eventuell mit einer leeren Erdnussdose bewaffnet." Nein, so verrückt sind nicht einmal die Georgen.

Der Geländewagen hält knapp vor uns, zwei Soldaten steigen gemeinsam mit einem Zivil gekleideten Mann aus der Technohölle. Natürlich kommen sie direkt auf uns zu, aber gänzlich anders als befürchtet. Was wir machen, wo wir waren, ob wir Hunger haben? Naja, ein wenig, euer Fladenbrot hat uns nicht besonders gesättigt. Von der Ladefläche wird eine Wassermelone gerollt, die wohl auf Tschernobylerde gepflanzt wurde. Ein kleines Kind hätte bequem in der ausgehölten Schale Platz gefunden.Dann wird ein beinahe ebenso großer Kanister herangekarrt, der mit einer bräunlichen Flüssigkeit gefüllt ist. Selbstgebrannter. Morgens halb zehn in Georgien. Das Frühstückchen. Flüssiger Mut für die Abfahrt, Wassermelone und Sonnenschein bei Technomusik auf 2500 Metern.

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Dann 2000 Tiefenmeter durchgehend fahrbarer Trail. Großteils so einfach zu fahren, dass man den Eindruck bekommt, es wurde händisch jede Wurzel und jeder störende Stein entfernt. Ich kann es beinahe nicht fassen. Und Gaga kann es beinahe nicht fassen, als wir ihm das Gipfelfoto auf den Schreibtisch klatschen. Noch heute, knapp zwei Jahre später, ziert der Schnappschuss regelmäßig die Facebookseite des Nationalparks. Uns gefällt's. Ein würdiger letzter Trail, um eine Reise zu beenden.

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