A Story about Cows - Kapitel II

Fotos: Felix Hummel         Text: Nikolai Holder

Junge Blondinen

Durch die kargen, an die Hitze angepassten Büsche starren uns einige neugierige Kinderaugen an. Sie sind mit Sicherheit überzeugt davon, dass wir sie noch nicht bemerkt haben. Ihr Kichern und Gackern ist jedoch beim besten Willen nicht zu überhören. Umso überraschter blicken die Augen, als wir sie zu uns winken. Einer der jungen Burschen hat einen Fußball dabei, der durch die abstehenden Kunstlederfetzen jedoch eher einem Salatkopf ähnelt. Natürlich lassen wir es uns nicht nehmen, unser Weltmeisterblut unter Beweis zu stellen. Die anderen Jungs leihen sich derweil mein Fahrrad aus und drehen außerhalb unserer Sicht einige Runde. Was soll schon passieren, sind schließlich keine Kühe.

A Story about Cows 2

Wir befinden uns am Ufer des südöstlich gelegenen Vansees, der viel mehr einem kleinen Meer, als einem See ähnelt. Er ist gar so groß, dass man trotz klarer Luft nicht zum anderen Ufer hinüber sehen kann. Nur schemenhaft lassen sich die südlich angrenzenden Gebirgszüge erkennen. Es könnte einen schlechter treffen, als bei guten 30 Grad auf 1719 Metern direkt am "Meer" zu zelten.

Nach einer halbe Stunde hört man das leise Rasseln des Freilaufes. Mit gesenktem, sichtbar beschämtem Blick kehren die Burschen zurück. Sie schieben das Rad. Als sie es mir übergeben, trauen sie sich beinahe nicht, mir in die Augen zu schauen. Der Blick eines Kindes, das etwas verbrochen hat. Tatsächlich haben sie es geschafft vier Pins aus den Pedalen zu brechen und den Bowdenzug des Umwerfers heraus zu rupfen. Ich bin nicht einmal verärgert, sondern viel mehr erstaunt, wie sie das schaffen konnten. Seit einem Jahr, inklusive einiger unangenehmer Steinkontakte, fahre ich diese Pedale und konnte bisher nur zwei Pins herauslösen. Der Schaltzug hängt ohne Endkappe in der Umwerfermechanik, ist jedoch schnell wieder montiert. Erleichterung scheint sich unter den Kindern breit zu machen. Sie fühlen sich nun gar so wohl, dass sie sich unsere Räder einfach ungefragt ausleihen.

A Story about Cows 2

Generell sind sie recht frech und haben etwas Seltsames an sich. Zum ersten Mal sehen wir Türken, die blonde Haare haben. Dass sich eine ganze Schar Burschen die Haare blondieren, können wir nicht so recht glauben. Daher fragen wir nach. "Güneş?" Kopfschütteln - nicht die Sonne. "Van Gölü!" Der See? Tatsächlich hatten wir beim ersten Badegang auch bemerkt, dass sich weiße Rückstände auf Haut und Hosen gebildet hatten.

Unsere erste Vermutung geht in Richtung des massiven Abfallproblems, das uns immer wieder begegnet. Der Sinn für Umweltschonung ist in den ländlichen Gebieten noch nicht in den Köpfen angekommen. Inflationäres Verpacken mit Plastiktüten allerdings schon. Denkbar schlecht wirkt sich diese Kombination auf so manchen schönen Ort aus. Hier kommt jedoch ein anderes Phänomen zum Tragen. Das Wasser des Vansees ist auf Grund einer geologischen Besonderheit extrem alkalisch. Durch den Vulkan  Nemrut Dağı wurde der Abfluss am Westufer versperrt, was zu einer extrem hohen Konzentration an Soda und anderen Salzen führt. Der Clou: die selben Bestandteile werden zur Herstellung von Waschmitteln verwendet. Wir nehmen daraufhin Abstand vom See, die Kinder tollen unbekümmert weiterhin darin herum.

 

Fastenbrechen

Wie durch ein Brennglas feuert die Mittagssonne auf unsere Köpfe, während wir die Promenade des Vansees entlang radeln. Den Morgen verbrachten wir bei einem üppigen Frühstück am Strand, nun müssen wir für unser spätes Loskommen bezahlen. Doch ohnehin sind heute nur etwa zehn Kilometer und 400 Höhenmeter zum Ausgangspunkt unserer Süphan Dağı Besteigung zu bewältigen. Ohne auch nur einen schattenspendenden Baum anzutreffen, quälen wir uns die rote Sandpiste hinauf, bis uns ein vorbeirasender SUV sandstrahlt, was wir im wahrsten Sinne "zähneknirschend" hinnehmen müssen.

A Story about Cows 2

Wider aller Erfahrungen verlassen wir uns auf die türkische Infrastruktur und nehmen lediglich ausreichend Wasser für den Aufstieg zu einem abgelegenen Örtchen am Aygir Gölü und eine einzelne Tomate mit. Wie diese sich in den Rucksack geschlichen hat, bleibt ein Rätsel. Das kleine Bergdorf ist der Ausgangspunkt aller Wandertouren, was im Umkehrschluss doch bedeuten sollte, dass man dort einkaufen kann. Natürlich entpuppt sich das Dörfchen als viel kleiner und menschenleerer als erwartet. Wir durchqueren es einmal komplett und schlagen unser Zelt direkt am See, unweit eines Restaurants auf, das geschlossen hat. Wird schon öffnen, irgendwann.

Überraschender Weise - wahrscheinlich jedoch für niemanden, der das hier liest - hat das Restaurant derzeit durchgehend geschlossen. Immerhin erwischen wir den Besitzer und können ihm ein paar wohltuende, kalte Flaschen Cola abkaufen, bevor er mit einem vier Meter langem Holzstab, an dessen Ende ein zweispitziger Fleischerhaken mit einem Tau befestigt ist, fischen geht. Seine angewandte Technik ist dabei grausam und beeindruckend zu gleich.

Ohne Köder platziert er den Haken einfach im Wasser und wartet, bis ein nichtsahnender Fisch darüber hinweg schwimmt. Dann reißt er die ganze Apparatur schnellstmöglich in die Luft und schleudert so den ventral durchbohrten Fisch an Land. Seine Beute ist dabei erstaunlich riesig. Manche Exemplare messen in etwa einen halben Meter.

A Story about Cows 2

Zeitgleich kommen die Abnehmer der Fische an. Es ist eine große türkische Familie, die samt Cousinen, Cousins, Nichten, Großeltern und Freunden in drei großen Pickup Trucks vorfährt. Sie kommen aus der noch südlicher gelegenen Stadt Batman. Nicht zu verwechseln mit dem DC Superhelden. Nemat, der zweitälteste Sohn, spricht gar ein recht solides Englisch, so dass wir uns gut austauschen können. Kurzerhand werden wir zum abendlichen Fastenbrechen eingeladen. Man würde uns am Abend wieder zurück fahren, so dass wir morgen in der Früh zum Gipfel starten können. Wie könnten wir nein sagen.

Vor einer riesigen Villa in Adilcevaz machen wir halt. Es brennt bereits Feuer unter einem Grill und einem ornamentbestücktem Teekessel. Der Hausherr kommt direkt mit einem Telefon auf uns zu, da er tatsächlich seinen Bruder in Esslingen angerufen hat, um mit uns zu sprechen. Etwas unvermittelt wird uns das Telefon gereicht. Klischeehaft heißt er Mehmet. Er führe ein türkisches Restaurant in Deutschland und wurde uns nur zu gerne einmal einladen. Immer wieder bin ich der Meinung, dass nun der Gipfel der Gastfreundschaft erreicht sein muss, nur um Minuten später eines besseren belehrt zu werden. Jeder, wirklich jeder, der kein wirtschaftliches Interesse an uns hat, ist umso interessierter an unserer Geschichte und verhält sich umso freundlicher gegenüber uns. Sehr erfreuliches Kontrastprogramm zum Alpenraum.

Da derzeit Ramadan ist, darf vor Sonnenuntergang nicht gegessen werden. Bereits jetzt brutzeln jedoch Leckereien in allen Ecken des Garten und des Hauses. Nicht nur uns läuft das Wasser in Strömen im Mund zusammen, auch Veysi, ein Freund der Familie, ist nicht besonders geübt in Zurückhaltung. Während wir uns unter Achtung der religiösen Tradition beherrschen wollen, greift Veysi immer wieder langfingrig auf den Grill und schiebt sich eine Leckerei in den Mund. Sie nennen ihn auf Grund dessen und seiner Größe auch liebevoll tadelnd "ungläubiger Sohn eines Zwerges". Immer wieder fällt dieser Ausdruck, was zu einem Ausbruch schallenden Gelächters führt.

A Story about Cows 2

Als alles zubereitet ist, werden wir in das Ferienhaus geführt. Die Männer speisen in einem Extraraum, wobei es sich einer der Männer nicht nehmen lässt, gemeinsam mit seiner Tochter im anderen Raum zu essen. Wer sowohl X- als auch Y-Chromosom vorweisen kann, darf sich zuerst an den Köstlichkeiten bedienen, bevor die Reste an das "Frauenzimmer" weitergegeben werden. Selbstredend missfällt uns diese Trennung, doch in Anbetracht der sonstigen Erfahrung bezüglich des Frauenbildes, die wir im Osten der Türkei machen konnten, ist dies ein verschmerzbarer Kompromiss. Zudem wurden wir bei unserer Ankunft mit Umarmungen und Küssen von unverschleierten Frauen begrüßt, was alles in allem den Eindruck erweckt, dass hier ein sehr aufgeklärter Islam gelebt wird. Das reichhaltige, kurdische Barbecue hilft womöglich auch, über gewisse Mängel hinweg zu sehen.

A Story about Cows 2

Unsere Augen müssen beim Anblick des überschwänglichen Buffets unendlich groß geworden sein. Ich kann abgesehen von den Chicken Wings und Tomaten kein Gericht zuordnen, doch alles sieht umso köstlicher aus. In einem großen Kreis versammelt sitzen wir auf dem Boden. Uns kommt die Ehre zu Teil, das Fastenbrechen zu eröffnen. Unbekannte Gewürzkombinationen und völlig neue Geschmäcker lassen die Geschmacksknospen tanzen. Unaufhaltsam bringt Großmutter immer mehr gestapelt volle Teller. Unfassbar.

Wild wird beim Essen über die im Hintergrund laufenden Nachrichten diskutiert. Immer wieder werden uns die Meldungen erklärt. Größtenteils geht es um Syrien. Obwohl Batman noch ein gutes Stück von der syrischen Grenze entfernt liegt, werden uns eindrückliche Geschichten über Raketeneinschläge in unmittelbarer Nähe erzählt. Das Haus eines Freundes wurde sogar zerstört. Auch den Militärposten an der türkisch-syrischen Grenze dürfe man sich nur mit Genehmigung und unter Ausschluss von fotofähigen Geräten nähern. Das uns geschilderte Leid der  syrischen Bevölkerung scheint unfassbar. Durch die Mattscheibe kann man eine gewisse Distanz waren, die vor allzu großer Anteilnahme effektiv zu schützen scheint. Die hautnahen Augenzeugenberichte wecken in uns jedoch eine unglaubliche Betroffenheit. Hier begründet sich auch die Idee, eine Spendenaktion ins Leben zu rufen.

Der Fernseher wird ausgeschaltet. Vermutlich, um die Stimmung wieder etwas aufzuheitern. Als alle satt sind, stehen die Männer einfach auf und verschwinden auf die Dachterrasse. Wir wollen noch helfen, Teller in die Küche zu räumen, werden aber daran gehindert. Stattdessen sitzen wir draußen und nehmen die Flut an Facebookanfragen an. Tatsächlich, und das darf man nun in Anbetracht der zombieartig auf ihre Telefone starrenden Jugend glauben oder nicht, ist der Wert des sozialen Netzwerkes bedeutend höher als in Deutschland. Jeder ist angemeldet, jeder ist mit jedem befreundet, jeder wird sofort hinzugefügt und jeder teilt seinen gesamten Tagesablauf online - so zumindest mein Eindruck.

Lange sitzen wir auf der Dachterrasse, essen Feigen und Pistazien, reden und betrachten den klaren Sternenhimmel. Irgendwann heißt es jedoch Abschied nehmen. Unfassbar dankbar verabschieden wir uns von allen. Welche Gastfreundschaft. Doch als wäre noch nicht genug getan, fahren sie mit uns zunächst in die Stadt, um einzukaufen. Die ohnehin schon angenehmen Preise sinken nochmal in Anbetracht unserer einheimischen Begleitung. Außerdem steuern sie ganz andere Adressen an, als wir es tun würden. Vollbeladen mit allerlei Schmackhaftem lässt Nemat den SUV über die Sandpiste fliegen. Veysi streckt bei voller Fahrt seinem halben Körper aus dem Fenster. Das Bild liegt irgendwo zwischen einem Geruillakämpfer und einem Fahrtwind liebendem Hund. Letztlich bleibt er aber einfach nur der "ungläubige Sohn eines Zwerges." Wie schon so oft während dieser Reise muss ich einfach schmunzeln, verschränke die Arme hinter dem Kopf und genieße die Situation. Ferner könnten Probleme nicht sein.

 

Hitchbiking

Schon während der Fahrt von Olgunlar an den Van See durften wir Zeuge der enormen türkischen Hilfsbereitschaft werden. Als wir die letzten Häuser hinter uns lassen und so das Kapitel am Kaçkar Dağı final beenden, kommt dieses aufregende Aufbruchgefühl auf. Diese Lust zu radeln, Strecke zu machen, Neues zu sehen. Tatsächlich ändert sich südseitig die Vegetation vollkommen. Es gibt keine Spur mehr von den grün florierenden Hängen, stattdessen erinnern die Berge nun an eine karge Marslandschaft. Rottöne dominieren die Farbpalette. Es ist heiß, doch die leicht abfallende Sandpiste liegt größten Teils geschützt in einem schmalen Canyon, so dass wir äußerst angenehm voran kommen.

A Story about Cows 2

Das scheint der Fahrer eines Tanklastwagens jedoch anders zu sehen. Nachdem wir keine Stunde auf einer etwas größeren Straße unterwegs waren, passiert er uns, zieht sofort rechts rüber und winkt uns zum Straßenrand. Er wolle uns bis Erzurum mitnehmen. Uns gefällt die Idee. Da wollen wir sowieso hin. Jeden Kilometer selbst zu fahren ist ohnehin längst vom Tisch. Eine Frage bleibt jedoch offen: Wohin mit den Fahrrädern? Er zeigt auf die schmale Metallrehling auf dem Tank des Vehikels und schreitet zurück zur Fahrerkabine. Ich denke, er wird einige Spanngurte holen und so langsam kann ich mich mit dem Szenario anfreunden. Tatsächlich kommt er aber mit einigen dünnen Tauen zurück - nein, eher Schnüren - die ihre besten Tage vermutlich vor rund zwanzig Jahren hatten. Längst ist es zu spät um noch zurückzuziehen, der Fahrer befindet sich bereits unbeirrt auf der dritten Sprosse der wage befestigten Metalleiter und verlangt nach dem ersten Fahrrad. Ich halte mein Rad bei der Übergabe eine Sekunde länger fest, als man es bei gänzlicher Überzeugung tun würde und spreche eine Stoßgebetsalve an Gott, Allah, Buddha, Zeus, den Gott der Kühe. Mir egal wer hilft. Hauptsache jemand tut es.

A Story about Cows 2

So recht glücklich schaut unsere Mitfahrgelegenheit jedoch nicht, als ich mit Argusaugen bewaffnet ebenso auf die Rehling klettere. Und so recht glücklich schaue ich auch nicht, als ich sein Werk sehe. Zwar scheint alles erstaunlich gut befestigt zu sein, aber Metall auf Metall mag mir nicht zusagen. Wir betten die Drahtesel auf allen Fleece-Pullovern und Tüchern, die wir auftreiben können. Er versteht es nicht. Wir verstehen nicht, dass er nicht versteht. Doch letztlich verstehen wir uns ziemlich gut. Wenn auch wie immer mit Hand und Fuß. Nicht die beste Kommunikationsart, während man einen LKW steuert. Erstaunlicher Weise wendet er allerdings jedes Abkommen von der Spur rechtzeitig vor der naheliegenden Felswand ab. Da schnallt man sich besser an. Achja, Gurte gibt's keine! Stattdessen ist die Fahrerkabine unserer Mitfahrgelegenheit vollständig mit einem Gebetsteppich verkleidet,  überall hängen Tücher und Misbahas in allen erdenklichen Farben. Für jeden Fernfahrer fungiert der LKW gleichzeitig als Moschee, weshalb auch ohne Schuhe gefahren wird. Ob er sich das gut überlegt hat? Wie eine Waschmaschine von Innen aussieht dürfte unseren Socken nur noch sehr schummrig im Gedächtnis sein. So mischt sich der Duft von Abenteuer mit den vielen etherischen Ölen der fahrbaren Moschee. Interessant. Ich würde den Duft "Selbstgeiselung" nennen. Doch ihn scheint es nicht weiter zu stören. Zumindest lässt er eine höfliche Frist verstreichen, bevor er sein Fenster komplett nach unten kurbelt.

A Story about Cows 2
A Story about Cows 2
A Story about Cows 2
A Story about Cows 2

An einem Autobahnkreuz kurz vor Erzurum befreien wir die Räder aus den Fängen der Rehling und gehen getrennte Wege. Wir befinden uns in einer der konservativsten Gegenden der Türkei. Erst kürzlich lasen wir den wunderbaren Satz "In Erzurum, wie auch in der gesamten östlichen Türkei,  gelten Männer in kurzen Hosen als lächerlich." Wie sich das wohl mit bunten, dreckigen, kurzen Fahrradhosen verhält? Wir werden es nicht erfahren, um Erzurum machen wir tendenziell einen Bogen. Angefixt vom schnellen Vorankommen halten wir einfach mal die Daumen raus. Tatsächlich lässt der nächste, perfekt auf den Transport von Fahrrädern abgestimmte LKW, nicht lange auf sich warten. Als der Fahrer aussteigt, scheint er sich nicht einmal selbst sicher zu sein, wo sich ein geeignetes Plätzchen auf den hunderten verschiedenen Kunststoffrohren seiner Ladung bietet. Aber das türkische Wesen kennt keine Probleme, sondern lediglich Lösungen. Schließlich liegen die Räder Löffelchen auf dem Plastikgipfel und werden mit einem Spanngurrt "fest" verzurrt.

Wieder begrüßen wir unseren Fahrer mit "Selbstgeiselung". Sein Fenster ist von Anfang an offen. Wie unhöflich. Solange wir bald am Süphan Dagi ankommen, wollen wir ihm verzeihen.

 

Sandkasten

Auf einer Hochebene am Fuße des Süphan Dagis läuft uns ein einsamer Hirte entgegen, der aufdringlich nach unseren Telefonen fragt. Er müsse einen Anruf tätigen. Bereits im Vorfeld hatten wir davon gelesen, dass die hiesigen Hirten dieses Spielchen treiben. Erst nehmen sie dein Handy, dann wollen sie Geld oder Zigaretten. Wir behaupten, kein Telefon dabei zu haben. Mit skeptischem und gleichzeitig erbostem Blick mustert er uns, bevor er nach Geld und Zigaretten fragt. Wieder verneinen wir, bevor wir einfach weiterziehen. Auf Grund seines dicken Parkas aus Schafswolle, den ausgefallenen Zähnen und wild zuckenden Augen wirkt der Hirte wie ein verrückter Voodoo-Priester. Es würde mich nicht wirklich wundern, wenn er in seinem Zelt verschwindet und mit einem Trank aus Schildkrötenpanzer, Froschaugen und geriebenem Kuhhorn den Zorn seiner Ahnen auf uns hetzt. Zunächst verschwenden wir jedoch keinen weiteren Gedanken an diese Begegnung und pedalieren die sandige Piste im morgendlichen Dunst bei halbwegs erträglichen Temperaturen hinauf. Auf etwa 2600 Metern endet der Feldweg in einigen Ruinen, die wohl einst den Hirten Unterschlupf boten. Ab hier lässt sich noch ein kurzes Stück im Sattel bewältigen, bevor der Trageteil beginnt.

A Story about Cows 2
A Story about Cows 2

Wieder einmal findet man keine Karte in unserem Gepäck, wir konnten lediglich von einem Wanderführer am Kaçkar Dağı einige Auszüge abfotografieren.  Außerdem hat uns der Besitzer ein Schema der Aufstiegsroute auf eine Serviette gezeichnet. "Professionell" und "gut vorbereitet" sind daher nur zwei Attribute einer langen Liste, die auf uns zutreffen. So richtig gut liest es sich natürlich nicht auf dem kleinen Display der Spiegelreflexkamera und so richtig akkurat ist die halb verlaufene Schmiererei auch nicht, aber ist schließlich nur ein 4000er. Wie nicht anders zu erwarten, reicht die Auflösung der Karte in Kombination mit dem Ausbleiben jeglicher Markierungen schon zu Beginn nicht aus, um mit Sicherheit den richtigen Weg einzuschlagen. Trotzdem finden wir etwas, das nach einem Pfad ausschaut und folgen ihm. Zumindest zeigt er nach oben.

A Story about Cows 2
A Story about Cows 2

Anfangs scheint der Berg gnädig und verwöhnt die Beinmuskulatur mit griffigem Wiesen- und Felsboden, so dass der Aufstieg zügig vorangeht. Leider hält unser Glück nicht besonders lange. Zunehmend wird die Bergflanke von einer dicken Schicht Sand bedeckt, die bei jedem Schritt ein Vielfaches an Kraft verlangt. Als würde man eine Schneeschuhtour mit Stöckelschuhen gehen, sinkt man teilweise schienbeintief ein. Das muss eindeutig der richtige Weg sein. Als wir schon am Ende unserer Kraft sind, begegnet uns ein wildes Pferd in etwa 3500 Metern Höhe. Es mustert uns mit demselben skeptischen Blick des Hirten - einer seiner Ahnen? Jedenfalls müssen wir zu seinen Füßen kapitulieren. Ein falscher Schritt, ich sinke ein und mein Rad stürzt wie die Schneide einer Guillotine auf meinen Nacken herab. Das Pferd wiehert. Vor Freude, wie ich mir einbilde. Mehr unangenehm als schmerzhaft trifft mich das Kettenblatt, dennoch nehmen wir den Sturz zum Anlass, ab hier ohne Räder im Sandkasten zu spielen. Hätte ich nur ein Fatbike - dann wäre ich gar nicht erst auf die Idee gekommen es hier hoch zu tragen.

Trotz aller Erschöpfung und der rational einzig richtigen Entscheidung trifft mich das Zurücklassen des Rades enorm. Dieses Mal ist es nicht die Unfahrbarkeit, die uns vom Gipfel trennt. Dieses Mal sind es einzig und allein wir selbst. Unser Durchhaltevermögen. Unser Körper. Unser Geist. Nur wir. Auf 4000 Metern mit dem Rad zu stehen war auf irgendeine Weise das große Dogma der Reise  - und nun aufgeben? 500 Höhenmeter unter dem Gipfel? So unbegreiflich diese Entscheidung aus der Höhe eines Bürostuhls klingen mag, war es in dieser Situation schlicht unmöglich. Schon allein der Aufstieg ohne Räder verlangt uns noch einmal alles ab. Wir kämpfen uns weiter durch den Sand. Zwei Schritte vor, einen zurückrutschen, Schuhe von Sand befreien, dazwischen in etwa zweihundert Herzschläge. Dann das Ganze von vorne. Je weiter wir uns dem Gipfel nähern, desto mehr rückt allerdings die Ernüchterung über den repetitiven Aufstieg in den Hintergrund. Lediglich der in einiger Entfernung gelegene Ararat überragt den Süphan Dagi. Ansonsten bietet sich ringsherum Erhabenheit in Reinkultur.

A Story about Cows 2
A Story about Cows 2

Wir überblicken die komplette Vansee-Region und meinen sogar, dass die Erdkrümmung sichtbar wird. Das mag jedoch auch an der Dehydration gelegen haben. Beflügelt von der zunehmenden Schönheit der Natur erreichen wir letztlich den auf 4058 Metern gelegenen Gipfel. Das flache Umland verstärkt die Wahrnehmung der schieren Größe des Gipfels ungemein. Für mich der beeindruckendste Ausblick der Reise. Anders als am Kaçkar Dağı, ähnelt der Anblick keineswegs den Alpen. Alles ist rot, schroff und in magentafarbenes Abendlicht getaucht. Eine völlig neue Erfahrung. Allerdings stürmt es geradezu auf dem Kamm, so dass wir nur wenige Minuten dort verbringen, bevor wir wieder zu den Fahrrädern absteigen.

 Erneut mustert uns das Pferd. Dieses Mal habe nur ich ein Schmunzeln über. Wir waren oben. Schluck das! Allerdings sollte man die Ahnen eines Hirten, den man verärgert hat, nicht verspotten. Nachdem wir den teils anspruchsvollen Trail im Schein der immer tieferstehenden Sonne bewältigt haben, landen wir wieder auf einer breiten Sandpiste, die uns zurück in das kleine Dorf am Aygir Gölü bringen soll.

A Story about Cows 2
A Story about Cows 2
A Story about Cows 2
A Story about Cows 2
A Story about Cows 2

Zunächst werden wir nur von der hereinbrechenden Dunkelheit gejagt, plötzlich verfolgen uns jedoch zwei wild bellende Hunde. Mit verschränkten Armen steht der Hirte am Horizont und blickt zu uns herab, während seine Höllenhunde mit unbeschreiblicher Geschwindigkeit auf uns zu hetzen. Wir schalten in aller Eile mehr Gänge hoch als es die Komponenten zulassen. Ich verfluche meine fahrlässige Schaltwerkseinstellung, bis endlich die Kette in den richtigen Zähnen Halt findet. Gezeichnet von der heutigen Unternehmung drohen die Schenkel zu explodieren. Die Vierbeiner kommen immer näher, sind nur noch wenige Meter von unseren Hinterrädern entfernt und bellen mit unablässiger Lautstärke.

Augenblicklich muss ich an unsere erste Hundebegegnung denken. Auf dem Weg von Ayder nach Ceymakur taucht mitten im Märchenwald ein vor Sabber triefender, scheinbar streunender Hund auf, der uns den Weg versperrt. Auch hier verfluche ich mich selbst wegen meiner Fahrlässigkeit. Eine Tollwutimpfung haben wir aus Zeitgründen nicht absolviert. Umso mehr pumpt nun das Adrenalin anstelle von passenden Antikörpern durch die Adern. Ich versuche irgendwelche durch die Lyssaviren verursachten Symptome festzustellen, tausche aber mein laienhaftes Medizinwissen schnell durch einen faustgroßen Stein ein. Felix greift sich ebenso einen Stein. Würden wir sie noch fester umklammern, könnte man darauf unsere eingepressten Fingerabdrücke vorfinden. Prinzipiell hatten wir einiges zur Verhaltensstrategie in solch einer Situation gelesen, das Wissen scheint jedoch gänzlich gelöscht. Lediglich weißes Rauschen kann ich zwischen meinen Ohren finden. Vom Rückenmark kommt der Befehl, eine allumfassende Angstlähmung zu initialisieren. Doch dann haben unsere Hirne schlagartig wieder Empfang. Wir entscheiden uns für den langsamen Rückzug. Sachte. Wir sind harmlos und tun dir nichts. Unser Widersacher ist einverstanden damit und zieht sich ebenso zurück. Ohne, dass der Blickkontakt abreißt, wächst langsam der Abstand zwischen uns. Erst nach einigen Metern außerhalb seiner Sichtweite lösen sich die krampfhaften Verbindungen zu den Steinen.

Das Bellen reißt mich aus der Erinnerung. Immer noch sind die Hunde viel näher bei uns, als es uns lieb ist. Immer noch ist das Gefühl eines aufkommenden Krampfes viel präsenter, als es uns lieb ist, und immer noch streikt gelegentlich mein verstaubter Antrieb. Dann werfen wir ein letztes Mal alle verbliebenen Reserven in die Pedale. Die Komponenten ächzten so laut unter der Belastung wie unsere Gliedmaßen. Milchsäure und Muskeln scheinen sich im massenhaften Gleichgewicht zu befinden. Unsere gesamten Körper gleichen einer einzigen verkrampften Muskelzelle. Nur noch wenig Licht dringt durch die vor Anstrengung zugekniffenen Augenlieder, als wir beginnen, Abstand zu den fletschenden Zähnen zu gewinnen. Erst langsam, dann zunehmend schneller. Hangabtriebskraft wirkt auf Rädern einfach besser. Mir entweicht ein adrenalinbedingtes, langgezogenes "Fuck you!". In meiner von Hollywood geprägten Fantasie explodiert der gesamte Berg hinter uns, während wir im epischen Licht der Abendsonne von zwei Bikini-Schönheiten mit Martinis begrüßt werden. Yippie Yah Yei Schweinebacke! Tatsächlich erwartet uns aber lediglich ein weiterer Ahne des Hirten. Wie es nicht anders sein konnte, handelt es sich um eine Kuh, die genau in dem Moment ein Sprung auf die Straße macht, als Felix an ihr vorbeifährt. Sprung? Ja, richtig gehört! Diese verdammte Kuh springt doch tatsächlich auf die Straße, Felix weicht hektisch aus und erwischt so ungünstig einen Stein, dass seinem Vorderrad schlagartig die Luft ausgeht. Uns stockt der Atem. Blick zurück. Hunde? Nichts! Lauschen. Bellen? Nichts! Erleichterung. Wortlos kollabieren die Beine unter uns, wir sinken auf dem Pfad nieder und zittern die Anspannung aus uns heraus. Es ist mittlerweile beinahe dunkel und wir sind noch drei Kilometer von der Gummizelle entfernt. Als ich auf dem Pfad liege bin ich schon beinahe bereit, einfach an Ort und Stelle einzuschlafen. Schließlich will ich aber Felix auf dem Lenker mitnehmen während er sein Rad schiebt. Beim Sprung auf dem Lenker bricht allerdings ein Teil meines Schalthebels ab. Ach, hätten wir dem Hirten doch nur unsere Telefone überlassen.