A Story about Cows - Kapitel I

Fotos: Felix Hummel       Text: Nikolai Holder

Wie zwei neugierige Erdmännchen strecken wir die Köpfe aus der schmalen Öffnung der Apside. Unser nebliger Atem blendet beinahe im hellen Licht des Vollmondes, der die umliegenden Felsen gleich der Szenerie auf einem fremdartigen Planeten erscheinen lässt. Die Temperatur liegt unter dem Gefrierpunkt. Wir zittern. Doch der Anblick der Gebirgszüge lässt alle Stimmen des Körperbefindens für eine Zeit verstummen. Auf der gesamten Wiesenfläche tanzen Glühwürmchen herum, als wollten sie ein Spiegelbild des unfassbaren Sternenhimmels erstellen. Wir schweigen in Ehrfurcht. Unsere Münder sind lediglich vor Erstaunen leicht geöffnet und in den Nachthimmel gerichtet. Nur widerwillig lassen wir uns von der Kälte zurück in unsere Behausung drängen.

Der gefühlt zentimeterdicke Zeltboden verströmt einen fast unangenehmen Gummigeruch und tut sein Übriges zum üppigen Gewicht der Behausung. Ich hasste das Zelt, seit wir es bekamen. Ich hasste es beim Aufstieg und ich hasste es beim ersten Aufstellen. Doch mittlerweile finde ich Gefallen daran. Einer der Eingänge ist durch zehn Nadelstiche verschlossen, auf dem in ausgeblichenen Lettern "wrong door -please use other side" prangert. Die andere Öffnung lässt sich mit etwas Feingefühl öffnen. Außerdem ist die Hälfte der Befestigungsschlaufen marode, die Zeltwanne ist mit mehr Flicken besetzt als es meine Spielhose in den wildesten Kinderjahren war, und die Heringe könnten ebenso gut verrostete Mordinstrumente aus einem Horrorstreifen sein. Es wirkt völlig fehl am Platz in Mitten der Expeditionszelte des auf 2860 Metern gelegenen Dilberdüzü Basecamps am Fuße des Kaçkar Dağı. Mindestens so fehl am Platz, wie es mein Fahrrad zu sein scheint.

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Verneblung

Ich sitze an einem kleinen Bachlauf und pumpe geistig völlig abwesend Wasser durch den Wasserfilter. Dass dabei die halbe Zeit ausschließlich Luft durch die Apparatur befördert wird, entgeht mir völlig. Felix ist krank geworden und liegt regungslos im Zelt. Wie aus dem Lehrbuch für Schwarzseher drehen sich meine Gedanken unkontrolliert um die Sinnhaftigkeit der ganzen Unternehmung. Ceymakçur, ein kleines Bergdorf mitten im Nirgendwo, wirkt vom Nebel eingehüllt wie ein tristes Stillleben und bietet den perfekten Rahmen zum Zweifeln. Wetter für Pessimisten. Wenige gedrängte Hütten und Bretterverschläge lassen lediglich erahnen, dass hier jemand wohnt. Eine Frau wirft einen kurzen Blick aus dem Fenster ihrer Hütte, begutachtet einige Momente lang die Neuankömmlinge, scheint sich aber dann nicht weiter für uns zu interessieren. Sonst sehe ich keinen Menschen. Nur Nebel, Regen und kein Weiterkommen.

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Vor fünf Tagen sind wir an der türkischen Schwarzmeerküste in Ardeşen gestartet. Seit fünf Tagen begleitet uns der Nebel. Nur selten wird uns ein klarer Blick hinauf zu den Bergen des ostpontischen Gebirges gewährt. Allerdings reicht dieser unregelmäßige, kurze Ausblick auf das bevorstehende Abenteuer aus, um die Motivation hoch zu halten. Drei Tage folgen wir einer asphaltierten Fahrstraße und steigen immer weiter in mitten der saftig grün bewachsenen Berghängen auf. Beinahe jeder, der uns mit den Fahrrädern sieht, erkundigt sich bei einem Tee darüber, was wir vorhaben - jeder hält uns für verrückt. Noch nie sei hier jemand mit dem Fahrrad gefahren. Das wollten wir hören. Aber wir sollen nach Kavron fahren, das sei eventuell machbar. Unsere Entscheidung fällt jedoch auf Ceymakçur. Schließlich sind wir die Locals, schließlich kennen wir uns hier doch aus, schließlich sind wir jung und wissen sowieso alles am Besten.

Ein schmaler Forstweg führt entlang eines namenlosen Baches hinauf nach Ceymakçur. Unbewirtschafteter Naturwald macht den Aufstieg zu einem Genuss. Auf dem erstklassig befahrbaren Weg passieren wir hunderte umgestürzte Bäume, riesige von Moos und Farnen bewachsene Flächen und werden vom permanenten Plätschern vielerlei Bachläufe begleitet. Hinter jedem Stamm erwarte ich, dass uns gleich Rotkäppchen mit leicht beschwingtem Gang entgegen schlendert. Oder womöglich doch eher der Wolf. Aber sei's drum. Wer auch kommen mag, der Wald ist wunderschön und könnte direkt einem Märchen entsprungen sein.

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Im Eifer, endlich in Mitten der Natur zu stehen, schöpfen wir uns das glasklare Wasser eines Bachlaufes direkt in die Bäuche. Uns wurde vergewissert, dass das Wasser bedenkenlos zu trinken sei.
Nun sitze ich also an selbigem kleinen Bachlauf und pumpe das unbedenkliche Wasser durch die Keramikkartusche des Wasserfilters, bevor ich von schallendem Läuten einiger Kuhglocken aus den Gedanken gerissen werde. Des Rätsels Lösung trabt auf vier Beinen nur einige Meter neben mir zum Bach. Sollte Felix also vom Wasser krank geworden sein? Wieso bin ich dann wohlauf? Die wirklich passendere Frage wäre wohl gewesen, wie lange ich es noch sein werde.

Amat Revolverheld

Gleich einem Gefangenem, der seit Jahrzehnten keine Sonne gesehen hat, sauge ich jeden Sonnenstrahl auf, der durch die größer werdenden Nebellöcher dringt. Endlich zeigt sich wieder das überwältigende Bergpanorama, als am Horizont ein älterer Mann auftaucht. Die tief hinter ihm stehende Sonne verpasst seinem Auftritt engelhaften Charakter. Der Gedanke entlockt mir ein leichtes Schmunzeln. Unser Retter.

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Er schüttelt den Kopf, als er unser luftiges Zelt erblickt und beginnt wild zu gestikulieren. So ganz wollen wir nicht verstehen, was er uns sagen möchte, letztendlich folgen wir ihm aber zu seiner Hütte. Unter den einfachen Bretterverschlägen Ceymakçurs ist seiner mit Abstand der Einfachste. Bretterverschlag ist schon beinahe ein zu groß gewählter Begriff für die Mixtur aus blauer LKW-Plane und marodem, löchrigem Holz. Ein laut prasselndes Feuer brennt unter einem kleinen Vordach und verleiht dem kümmerlichen Aufbau dennoch Gemütlichkeit. Mit bloßen Händen greift Amat nach der im Feuer stehenden Kanne, als wolle er nochmal seine Übernatürlichkeit beweisen. Er hievt einige Decken von seinem Bett und offenbart uns eine reichhaltige Ernte an Teeblüten. Augenblicklich wird die Luft von wohlduftenden Aromen erfüllt. Mit seinen riesigen Pranken befördert er vorsichtig einige der lilafarbenen Blütenblätter in den Teekessel, bevor er seinen wertvollen Schatz wieder sorgsam bedeckt. Beim Kosten des Tees verfliegen auch letzte Zweifel daran, dass Amat ein Engel sein muss. Sollte im Paradies Milch und Honig fließen, würde ich gerne gegen diesen Tee tauschen. Amats Gesicht erhellt sich auch zum ersten Mal sichtbar, als er unsere Reaktion sieht. Sogar Felix‘ Lebensgeister scheinen langsam geweckt zu werden.

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Mit unseren wenigen Brocken Türkisch, Hand und Fuß unterhalten wir uns bis in die späten Abendstunden. Meistens wird zwar nicht klar, worum es gerade wirklich geht, der guten Laune tut dies jedoch keinen Abbruch. Als wir uns verabschieden wird allerdings umso eindrücklicher deutlich, was gemeint ist. Amat reckt die Hände nach vorne gekrümmt in die Höhe, spreizt seine Hände wie Klauen und mimt das Knurren eines Bären. Wir nicken und ziehen mit leicht mulmigem Gefühl davon, bevor drei enorm laute Explosionen ertönen. Eine Ewigkeit hallen die sich überlagernden Töne zwischen den Bergflanken. Schockstarre. Mit eingezogenem Nacken drehen wir uns herum und erblicken eine seichte Rauchschwade, die aus Amats Revolver dringt. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren nickt uns Amat eindringlich zu. Unser Retter.

Vice Versa

Schrilles Weckerklingeln lässt mich heute Morgen unter quietschendem Ächzen der vergilbten Federkernmatratze beinahe aus dem Bett fallen. 7:30 Uhr strahlt in unangenehm hellen Lettern vom Handydisplay. Ein schlaftrunkener Blick aus dem winddurchlässigem Fenster nahe der Betten offenbart Nebel und leergefegte Straßen. Gleich zwei Dinge verwundern mich an diesem Morgen. Der Nebel gehört sicher nicht dazu, doch dass wir noch irgendwo als Frühaufsteher durchgehen würden, scheint umso unwirklicher. Selbst der Ofen in der Bäckerei befindet sich noch im Tiefschlaf. Außerdem waren wir doch tatsächlich in zweierlei Hinsicht vernünftig. Zum einen sind wir den gesamten Weg von Ceymakçur zurück nach Ayder gefahren und zum anderen haben wir uns ein einfaches Zimmer genommen, um Felix‘ Zustand ordentlich auszukurieren.

Ayder ist ein kleines, touristisches Dorf, das sich auf dem Weg nach Kavron befindet. Dieses Mal folgen wir also den Ratschlägen. Als Ausgangspunkt vielerlei Touren im Kaçkarmassiv bietet es allerhand Annehmlichkeiten des Lebens. Wir mieten uns in die billigste Unterkunft des Ortes ein - ganz gemäß unserer schwäbischen Herkunft - und genießen Warmwasserdusche und Frühstück am nächsten Tag. Den Weg hinauf nach Kavron übernimmt der Gesundheit zur Liebe ein vollgestopfter, roter Ford Transit, der im Tetrisverfahren mit unseren zerlegten Fahrrädern gefüttert wird.

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In Kavron stehen bei unserer Ankunft bereits mehr Zelte als Häuser und mehr Touristen als Einheimische, die neugierig dem Entknoten unserer Räder beiwohnen. Zweifelnde Gesichter, ungläubiges Schmunzeln, Warnungen - heute ist wieder alles dabei. 3200 Meter habe der Pass, den wir überqueren müssen, kein Meter fahrbar, steil, steinig, schon als Wanderer konditionell anspruchsvoll. Noch kommen keine Zweifel in mir auf. Weißt du doch. Jung. Alles am besten wissen. Kennst'e? Na also.

Rind, die Zweite

Wie aufgeregte Ameisen strömen alle Dorfbewohner auf eine Wiesenfläche am Rande Kavrons. Wir schließen uns nichtsahnend dem Fluss an und versuchen in Erfahrung zu bringen, was gerade geschieht. Ein Bulle scheint sich schwer am Horn verletzt zu haben. Entweder durch den Sturz an einem Berghang mit anschließendem slapstickartigem "gen-Tal-Rollen" oder durch den Kampf mit einem anderen Bullen. Ganz sicher sind wir uns nicht. Fakt ist jedoch: der Bulle soll nun geschlachtet werden und wird bereits von einem Schächter an einem Tau auf die Wiese geführt.

Über das Gesicht des Tieres läuft ein schmales Rinnsal aus Blut, das von einem provisorisch verbundenen, definitiv in die falsche Richtung stehenden Horn ausgeht. Unbeeindruckt lässt es sich an einem Felsen festbinden, bevor der Schächter versucht, seine Vorderläufe zu fesseln. Ein beinahe ulkiges Katz-und-Maus-Spiel beginnt, da es dem Bullen immer wieder gelingt, seinen Huf im richtigen Moment aus der Schlinge zu ziehen, während er völlig entspannt das umliegende Gras verspeist. Der Humor verfliegt jedoch spätestens, als die Schlinge im richtigen Moment zugreift. Nun scheint es auch dem schwarzen Muskelpaket zu dämmern, dass er sich in einer misslichen Lage befindet. Mit allem Eifer versucht es sich auf seinen verbleibenden zwei Standpunkten zu halten. Es eilen fünf Helfer herbei, um die unbändige Kraft in den Griff zu bekommen. Mit vereinter Anstrengung befördern sie den Stier auf seine Flanke und fixieren ihn schweißgebadet am Boden. Dann setzt der Schächter das Messer an.

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Ein erster Schnitt - nur minimal dringt die Klinge, die aus der Entfernung die Schärfe eines überdimensionalen Buttermesser aufzuweisen scheint, in die dicke Haut ein. Alle Muskeln sind zum zerreißen gespannt, auf beiden Seiten.

Ein zweiter Schnitt - dieses Mal tiefer - Blut rinnt aus dem Hals, als hätte man ein Fass angestochen. Markerschütternd brüllt das Rind in seinem Todeskampf. Nochmals fünf Helfer eilen herbei, um die heftigen, alle in Blut tränkenden Zuckungen zu unterbinden. Kinder verstecken sich hinter den Beinen ihrer Eltern und bedecken sich die Ohren. Das Geschrei ist womöglich das Grausamste, das ich je hören musste. Die im Angesicht des Todes geweckten Kräfte verlangen selbst elf Männern alles ab.

Ein dritter, vierter, fünfter Schnitt -  dem Tier fehlt der halbe Hals - Atemluft dringt unter Blutfontänen direkt aus der Luftröhre. Das volle Körpergewicht eines geschätzt einhundert Kilogramm schweren Mannes liegt auf der Messerklinge konzentriert am Hals auf. Langsam gleitet die Klinge immer tiefer in der blutigen Kerbe hin und her - Ein sechster, siebter, achter Schnitt.

Der letzte Schnitt - das Rind hebt ähnlich einem Stoßgebet ein letztes Mal den Kopf mit den verbliebenen ansetzenden Muskeln - ein letzter Schrei, ein letzter Hauch, eine letzte Fontäne – Stille.

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Nie habe ich Ruhe eindringlicher vernommen oder den Begriff "Totenstille" besser verstanden als in diesem Moment. Selbst die im Wind wackelnden Grashalme scheinen es sich zu verbieten, irgendeinen Laut von sich zu geben. Die Szene wirkt wie eingefroren. Niemand rührt sich in den ersten Momenten, niemand spricht, niemand atmet.. Jeder starrt lediglich auf den Boden. Ein Zeichen, dass diese Schlachtung nicht wie geplant abgelaufen ist.

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Am Abend liege ich in Embryonalstellung auf einer Bank so nahe an der Glut eines kleinen Ofenfeuers, dass ich in etwa dreißig Minuten gar sein dürfte. Trotzdem friere und zittere ich jämmerlich. Ironischer Weise logiere ich auf einem Kuhfell in einer urigen Hütte. Mein Magen steht seit der Schlachtung Kopf. Ich bezweifle allerdings, dass es etwas damit zu tun hat. Ohne die Inkubationszeiten, sofern man bei kontaminiertem Wasser davon spricht, der Keime zu kennen, vermute ich viel mehr, dass nun ich an einem schweren Fall von "unbedenklichem Wasser" erkrankt bin. Eine alte türkische Dame tätschelt mir mit großmütterlicher Fürsorge den Kopf und gibt mir ab und an einen Löffel Honig. Ich fühle mich elendig, aber geborgen. Das ganze Dorf erkundigt sich abwechselnd über meinen Zustand und allerhand Hausmittelchen werden an mir erprobt. Kühe scheinen für uns einfach untrennbar mit Unglück verbunden zu sein. Es sollte nicht das letzte Mal sein.

Trotz allem muss ich leicht schmunzeln - zumindest bilde ich mir ein, dass es so war. Bis hierhin lief einiges schief. Ein Bilderbuchstart sieht sicherlich anders aus. Doch Abenteuer ist eben nicht poliert, nicht immer angenehm oder episch - ich bin genau da, wo ich sein will. 

Bergauf

Eine unsichtbare Wand scheint den Nebel auf Höhe des Kavron Passes aufzuhalten und teilt so das Kavron-Tal eindrucksvoll vom Olgunlar-Tal. Nur vereinzelt scheint eine Nebelschwade kurz auf die andere Seite zu tasten, um sofort wieder vom sanft aufsteigenden Wind zurückgedrängt zu werden. Seit wir heute Morgen losgezogen sind, sehen wir zum ersten Mal wirklich die Sonne. Selten reißt der Nebel auf, meist wird er lediglich lichter. Fast durchgehend ist er allerdings so undurchdringlich, dass wir uns bei gut fünf Metern Entfernung nur noch schemenhaft erkennen können. Ohne GPS-Gerät wäre es unmöglich, zu navigieren. Keine Markierungen, kein Schild oder ein ausgetretener Pfad deuten auf den richtigen Weg hin. Mit zwölf Kilogramm pro Rucksack und zusätzlichen vierzehn Kilogramm Fahrradgewicht auf dem Rücken schleppen wir uns den steilen Hang hinauf. Die Guides sollten natürlich recht behalten: fahrbar ist hier rein gar nichts.

Felsen von der Größe eines Kleinwagens wechseln sich mit steilen Wiesenflächen ab, die vom Regen der Vortage durchgeweicht sind. Alle paar Schritte rutscht man so Einen zurück. Steigung und Nebel zehren an der physischen Kondition. Der Aufstieg lässt es sich jedoch nicht nehmen, auch unsere psychische Kondition zu belasten. Wir wurden bereits gewarnt, dass nach guten 800 Höhenmetern ein Abstieg von 350 Tiefenmetern wartet. 

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Der Anblick trifft uns hart. Als würde sich der Berg einen schlechten Scherz mit uns erlauben, reißt der Nebel genau dann auf, als wir diesen ersten kleinen Pass überqueren, nur um genau zu zeigen, wie viel Meter wir umsonst gestiegen sind. Die Pointe? Fünf Minuten später laufen wir schon wieder gegen die weiße Wand der übersättigten Luft an. Trotz allem fühlen sich die Sonnenstrahlen unendlich gut an. Außerdem warten einige nette Spitzkehren. Endlich einmal einen Trail unter den Stollen.

Nun noch einmal 400 Höhenmeter. Erneute Psychospiele des Berges. Jede Kante sieht aus, als wäre sie der langersehnte Ceymakçur-Pass, bevor die Sicht auf noch eine felsige Rampe frei wird. Man beginnt nur noch zu funktionieren. Ein Fuß vor den anderen, Schritt für Schritt. Die Pausen häufen sich,   doch weit kann es nicht mehr sein. Es wird heller, einzelne Strahlen durchdringen die weiße Wand. Immer weiter muss der Nebel zurückweichen. Sonne. Ich fühle mich, als würde das Solarpanel auf meinem Rucksack keine Akkus, sondern direkt meinen Organismus speisen. Wieder eine Kante. Die Letzte, diese muss es sein. Dann stehen wir oben. Kein Nebel. Weitsicht. 3205 Meter.

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Wir haben geschafft, was uns keiner glauben wollte und was ich zwischenzeitlich selbst nicht mehr glauben konnte. Keine der hohlen, alpenesotherischen Phrasen wird unserer Gefühlslage gerecht. Drum versuch ich es erst gar nicht zu beschreiben.

Eine gefühlte Ewigkeit lassen wir uns die warme Sonne auf den Bauch scheinen, bevor wir den Weg über ebenso erfreuliche Spitzkehren gen Olgunlar fortsetzen. Endlos schlängelt sich der Weg durch ein vielfältig bewachsenes, grünes Tal. Nur selten verliert er sich in einer Wiese, ist aber meist schnell wieder auffindbar.

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Felix macht in einem etwas entfernten Schneefeld eine Entdeckung. In Mitten unberührter Natur, kein Haus sichtbar, kein Zeichen von Zivilisation, findet er ein kleines schwarzes Rechteck von Samsung. Ein Smartphone. Wie Felix das unscheinbare Telefon auf diese Distanz erkennen konnte ist mir ein Rätsel. Sollte er jemals einem Indianerstamm beitreten, erhält er mit Sicherheit den Beinamen "Adlerauge". Unwissend über die zukünftige Bedeutung des Rechtecks stecken wir es ein und fahren vollends ab nach Olgunlar.

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Bergkino

Zusammen mit Muratz spanne ich ein großes weißes Laken über ein wackliges Volleyballnetz. Er will mir noch nicht verraten, was es damit auf sich hat. Erst als er einen kleinen Beamer aus einer der großen Aufbewahrungstruhen seines Zeltes zieht, verstehe ich. Kino auf 2860 Metern? Warum nicht.

Muratz leitet das Dilberdüzü Basecamp, zusammen mit Sumru und einem weiteren Guide. Es ist Ausgangspunkt der meisten Besteigungen des 3933 Meter hohen Kaçkar Dağıs. Eigentlich ist der hiesige Aufenthalt zahlenden Gästen organisierter Touren vorbehalten, doch wir machten uns, natürlich unwissend über diesen Umstand, dennoch ohne Nahrungs- oder Trinkvorräte von Olgunlar aus auf den Weg. Normalerweise müsste man sich also selbstversorgen, allerdings spielt uns nun endlich einmal das Glück in die Hände.

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Wir sitzen in Olgunlar beim Essen, als plötzlich das gefundene Handy anfängt zu vibrieren. Felix vereinbart ein Treffen mit dem hörbar über den Fund erleichterten Anrufer. Es sollte keinem geringerem als Muratz selbst gehören, der darüber so erfreut ist, dass er uns glatt einlädt, kostenfrei im Camp zu logieren und zu essen. Das Glück ist ein Rindvieh und sucht sich seinesgleichen. Wenn auch nur sinngemäß. Für uns ist das Glück gewiss kein Rind.

Als wir in der kleinen Zeltstadt ankommen, werden wir auch erfreulicher Weise keineswegs als Touristen behandelt. Vielmehr sind wir sofort Freunde der Guides, dürfen uns selbst an den Essensvorräten bedienen und werden zu Touren mitgenommen, die jedem zahlenden Gast vorenthalten werden. Es fühlt sich gut an, hier kein touristisches Erlebnis zu haben, sondern dazu zu gehören.

Muratz zeigt uns einen verborgenen Bergsee, zu dem man nur gelangt, indem man eine unglaublich steile, felsige und verblockte Felsscharte aufsteigt. Gazellengleich gleitet er in seinen abgetragenen Salomonschuhen über das Gestein, während Sumru, Felix und ich zunehmend den Anschluss verlieren. Immer wieder bleibt er stehen und schaut mit seinem süffisanten Grinsen auf uns herab. Muratz ist in jeder Hinsicht junggeblieben und scheint immer etwas im Schilde zu führen. Ein Schelm.

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In seiner Heimat nahe Antalya gehört ihm eine kleine Farm, die jeder kostenfrei beziehen kann. Einzige Voraussetzung ist, dass man sich als Erntehelfer oder bei sonstigen Notwendigkeiten einbringt. Es ist ein sich selbst versorgender Mikrokosmos, der über die Jahre hinweg durch das Prinzip "Ich kenn wen, der kennt wen, der kann" mittlerweile sogar über Solarzellen verfügt. Etwa zweihundert Kletterrouten soll es an einer angrenzenden Felsformation geben, die Muratz eigenhändig mit Freunden erschlossen hat. Wir sehen ihn immer mehr als Vorbild und reden noch lange nach unserem Aufeinandertreffen über seinen Lebensstil. Viel Geld oder gar Besitz dürfte er nicht vorweisen können, doch verbringt er beinahe das ganze Jahr mit Dingen, die ihm Freude bereiten. Er strahlt daher eine derart authentische Fröhlichkeit aus, die ich bisher nur wenigen anderen Menschen in meinem Leben abkaufen konnte. Viele Grinsen dich aus ihrem silbergrauen Mercedes an, Muratz grinst aus sich heraus. Abgedroschen? Womöglich. Wahr ist es dennoch. Er ist einer dieser Lebemänner, von denen man sonst nur in Büchern liest.

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Verschwitzt kommen wir auf einem Plateau an, dass von senkrecht zum Camp abfallenden Felswänden begrenzt wird. Der Ausblick ist unglaublich. Einige Kraxeleien später stehen wir vor dem kleinen Bergsee, der wie eine mit sichtbarer Luft gefüllte Kiesgrube wirkt. Die Klarheit des Wassers ist beeindruckend. Die Kälte ebenso. Muratz fackelt nicht lange und reißt sich die Klamotten vom Leib, bevor er mit einem schrillen Tarzanschrei ins kühle Nass abtaucht. Wir folgen ihm, wobei das Eiswasser unseren Lungen bei Berührung schlagartig alle Atemluft aussaugt. Sumru lässt ebenso nicht auf sich warten. Sie studiert in Istanbul und zeigt uns, welcher Wandel in der türkischen Jugend von statten geht. Ohne zu zögern legt auch sie ihre Klamotten ab. Sie wolle sich nicht islamischen, traditionellen oder antiquitierten Moralvorstellen beugen, sie will frei sein, Gleichheit zwischen den Geschlechtern haben, Haut zeigen, Alkohol trinken und feiern gehen können. Mit ihrem Sidecut und den engen Klamotten steht sich auch optisch für diesen Wandel. Etwas, das wir in der restlichen Ost-Türkei nicht mehr beobachten konnten. Ich fühle mich glücklich mit dieser Truppe. Sonne. Natur. Freunde. Endlich scheint alles aufzugehen.

Heute trübt lediglich eine Gruppe Touristen meine Laune. Deutsche DAV-Rentner, die mit Ignoranz beladen nochmal das Abenteuer in der Fremde suchen. Stolz erzählt einer der Wanderurgesteine, dass sie ihren eigenen "Türken-Mehmet" dabei hätten, der für sie kocht und die Zelte aufbaut. Häufig scheuchen sie ihn mit allzu ungepflogenem Ton durch das Camp. Daher beschränken auch Muratz und Sumru die Interaktion mit der Gruppe auf ein Minimum. Wegen meines Rades spricht mich die Gruppenleiterin des "Ausflugs" an. Sie sei DAV-Mountainbike-Guide. Lang und breit erklärt sie mir die Sinnlosigkeit der DIMB-Ausbildung und erzählt von ihren trailtechnischen Heldentaten auf allerlei Forstwegen der Welt. Die Ponalestraße sei ihre Lieblingsabfahrt. Technisch fordernd und schnell. Aha! Als sie mich nach einem kleinen Proberitt eines Trails fragt, ob ich mir diese Technik mit dem Hinterradversetzen selbst ausgedacht habe, verliert sie auch das letzte Stückchen Glaubwürdigkeit. Das müsse sie einmal ihren Kollegen zeigen. Immer wieder schön, Leute aus der Heimat zu treffen.

Aller guten Dinge sind drei

Auch nach einigen Nächten in unserer neuen Behausung kann sich mein Riechorgan nicht an den Gummizellengeruch gewöhnen. Zwar besticht das Zelt weiterhin mit seinem unbeholfenem Charme, aber so richtig glücklich kann uns das drei Kilogramm schwere Ungetüm nicht machen. Wie kam es also zu dieser ungewollten Partnerschaft?

Bei unserer Ankunft in Olgunlar stellen wir das eigens für diese Reise erstandene Tarptent auf einer Wiese unweit der Siedlung auf. Einen Tag wollen wir in dem kleinen Dörfchen verbringen. Die Knochen ausruhen und die lang ersehnte Abwesenheit des Nebels genießen. Doch die Phase der Entspannung fällt ziemlich kurz aus. Hektisch wird nach uns im Dorf gesucht. Wir verstehen natürlich keine Silbe des verbalen türkischen Dauerfeuers. Ein Kuhhirte zieht uns einfach mit sich und wir folgen ihm ohne Gegenwehr. Schon von weitem sehe ich Kühe und ahne, nein ich weiß, dass dies nichts Gutes bedeuten kann. Er formt beim Laufen mit seinen Händen ein Dach über seinem Kopf. Das Zelt.

Wir stehen vor einem kümmerlichen Rest zerrissenen Nylons. Wie eine an Land gespülte Qualle liegt das Zelt, mangelnd an Form, auf dem Wiesenboden. Die Risse deuten darauf hin, dass sich eine Kuh, nennen wir sie Betty, in den Leinen verfangen hat und sich anschließend panisch aus dem ach so tödlichen Griff eines 900 Gramm schweren Nylongewebes befreien musste. Are you f***ing kidding me? Aber es wäre doch gelacht, wenn hier der Rinderwahnsinn aufhören würde. Zu allem Überfluss war Betty noch der Meinung, dass sie ihrem künstlerischen Wesen Freigang gewähren muss. So wird unser Zelt zur Leinwand eines modernen Kunstwerkes verriebener Fäkalien. Ausgezeichnet.

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Mein erster Instinkt fasst folgenden Plan: Wir gehen zurück nach Kavron, leihen uns das Buttermesser, finden Betty und... Aber der Gedanke verfliegt so schnell, wie er gekommen ist. Nach wenigen Minuten der Entgeisterung folgt die Feststellungen, dass diese Situation zu absurd ist, um sich darüber zu ärgern. Lauthals lachend posieren wir mit den sterblichen Überresten des zwei Wochen alten Zeltes. Ist schließlich nur verlorenes Geld. Wie sagte schon meine Großmutter immer zu mir "Hauptsach g'sund!" Nach den letzten Tagen könnte ich ihr nicht mehr zustimmen.

Aber allem Humor zum Trotz stellt uns diese Angelegenheit nun vor ein ernstes Problem. Ohne Zelt wäre so ziemlich alles Geplante, sofern man davon bei uns sprechen kann, unmöglich. Eine kleine Pension in Olgunlar verfügt über W-Lan. Wir dürfen uns einloggen und schauen nach den nächstgelegenen Outdoorgeschäften. Ankara. Wirklich? Keine Option. Das sind hin- und zurück gute 26 Stunden reine Busfahrt.

Der Sohn des Pensionsbesitzers liefert letztlich den rettenden Einfall. Mit seinem passablen Englisch erklärt er uns, dass sie ein entleihbares Zelt hätten. Die Freude hält in Anbetracht des Frankensteines unter den Zelten nicht besonders lange, doch in der Not frisst der Teufel Fliegen. Nun müsse man sich nur noch bezüglich der Bezahlung einig werden. Von einem innerlichen Tobsuchtanfall getrieben fallen mir beinahe die Augen aus den Höhlen. Ist das sein ernst? Machen die etwa gemeinsame Sache mit Betty? Betty die Zelt-Auftragskillerin. Könnte ein lukratives Geschäft sein.

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Er weiß natürlich so gut wie ich, dass wir ein Zelt brauchen. Und natürlich brauchen wir das Zelt für die ganze Reise. Umgerechnet einhundert Euro verlangt der geschäftstüchtige Mann. Augen. Höhle. Contenance. Schließlich handeln die Türken gerne. Nach einigem Hin- und Her kann ich ihm immerhin klar machen, dass er bei fünfzig Euro weiterhin einen sehr guten Deal eingeht. Wir senden ihm das Zelt auch letztendlich auf unsere Kosten zurück.

Trotz leichtem Zähneknirschen gehen wir den Handel ein. Immerhin riecht dieses Zelt nur nach Gummi. 

Gipfelsturm

Es ist noch stockfinster als der erste Reißverschluss die Nacht mit seinem metallischen Kratzen durchdring.  Unserer ist es nicht. Jedoch wäre er es vielleicht gewesen, wenn der Reißverschluss an unserem neuen Zelt nicht die Fingerfertigkeit eines Herzchirurgen erfordern würde. Weckerklingeln um fünf Uhr "morgens" erleichtert dieses Aufgabe ebenso nicht unbedingt. Shanti, eine Koreanerin, die alleine durch die Türkei reist, schleicht bereits auf Zehenspitzen durch das Dilberdüzü Camp, bis wir uns aus der Gummizelle befreit haben. Sie begleitet uns heute auf dem Weg zum Kaçkar Dağı.

Der Blick zum Himmel verheißt allerdings nichts Gutes. Tief gebettet hängt die Wolkendecke im Taleinschnitt. Den Anblick aus dem Kavron-Tal hatten wir beinahe schon vermisst. Mit etwas gedämpfter Motivation packen wir die Rucksäcke und schlendern los - ohne Fahrrad, heute soll erkundet werden, bis wohin sich der Aufstieg als fahrbar erweist.

Nach weniger als einer Stunde dringt schon bedeutend mehr Licht durch die Wolkendecke. Erinnerung an den Aufstieg zum Ceymakçur Pass dringen wieder ins Gedächtnis. Das erlösende Erlebnis soll dieses Mal nicht lange auf sich warten lassen. Wir stoßen durch die Wolkendecke und blicken einem strahlend blauen Himmel entgegen. Alle umliegenden Täler werden zu unseren Füßen von Wolken geflutet. Majestätisch erhebt sich der Kaçkar Dağı mit unglaublicher Prominenz zwischen den angrenzenden  Gipfeln und sorgt für eine maßlose Endorphinausschüttung. Im Gegensatz zu den letzten Aufstiegen scheint heute jeder gewonnene Höhenmeter das Lauftempo zu erhöhen.Shanti bleibt daher an einem Bergsee namens Deniz Gölü zurück. In der Türkei wird dieser als der tiefste See der Erde gehandelt. Aber angeblich weiß niemand, wie tief er tatsächlich ist, da bisweilen alle Erkundungsmission abgebrochen wurden, bevor man den Grund entdecken konnte. Für mich punktuelles Sinnbild der türkischen Kultur. Gerne werden Behauptungen aufgestellt, ohne auch nur einen blassen Schimmer zu haben. So erhält man immer wieder Wegbeschreibungen und Informationen, die sich im Nachhinein als vollkommen falsch herausstellen. Unwissenheit scheint eine Art Schande zu sein. Daher erzählt man lieber irgendetwas, als nichts.

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Was sich allerdings als richtig erweist, ist die ab 3500m anfangende Unfahrbarkeit des Kaçkar Dağı. Langsam verläuft sich der ausgetretene Pfad so sehr im schuttbedecktem Anstieg, dass wir zunächst sogar vom richtigen Weg abkommen. Auch der Blick auf das GPS-Gerät macht uns nicht unbedingt klüger, da wir vergessen haben, es mit neuen Batterien zu füttern. Konnte doch keiner ahnen. So können wir nur noch zuschauen, wie die Karte auf dem Display direkt nach dem Einschalten erblasst. Selbstredend haben wir auch keine Karte in Papierform dabei. Dann muss es eben so gehen. Felix Adlerauge entdeck nach einigem Umherirren tatsächlich ein etwas entferntes Steinmännchen, dessen Brüder im Folgenden beinahe unfehlbar den Weg markieren. Glück gehabt.

An Fahrradfahren ist hier oben schon längst nicht mehr zu denken. Umso eindrucksvoller zeigt sich die Landschaft, bevor der von uns gewählte Gipfelzustieg noch einmal die Nerven strapaziert. Auf unwegsamem Geröll wandern wir vorsichtig einen Grat entlang. Rechts von uns fällt die Bergflanke stark ab. Steinig, spitz, unbequem. Bei Sturz aber bestimmt  zu überleben. Zumindest rede ich mir dies ein. Links von uns fällt die Bergflanke allerdings senkrecht ab, bis die imposante Felswand in der Wolkendecke verschwindet. Behutsam versuchen wir über den instabilen Untergrund zu schweben. Ein abgetretener Stein, der bei seinem rapiden Absturz von der Wolkendecke verschluckt wird, verdeutlicht nochmals, dass Vorsicht geboten ist.

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Ebenso spektakulär zeigt sich dann der Gipfelaufbau. Erhaben über allen Gipfeln der Umgebung und durch das Wolkenmeer abgeschottet von allen menschlichen Einflüssen stehen wir auf 3933 Metern. Dass sich die auffaltenden Erdplatten zur Zeiten der Entstehung des Gebirges zu schade waren, noch weitere 67 Meter zu wachsen, trübt die Stimmung nur wenig. Unsere Herz- und Atemfrequenz ist für heute auch mit knapp viertausend Metern zufrieden.

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Außerdem sind wir die Einzigen auf dem Gipfel und teilen wohl nur mit Wenigen den Ausblick auf den klaren Himmel. Spärlich ragen andere Bergspitzen wie Haifischzähne aus dem weißen Meer. Die ganze einsehbare Schwarzmeer-Region scheint erneut im typischen Dunst verschwunden zu sein. Unfassbar groß fühlt sich dieser Sieg an. Nach Krankheit, Nebel, Regen, Kuhterror und Anstrengungen, die uns alles abverlangten, sind wir tatsächlich hier angekommen. Zwar nicht mit dem Fahrrad, aber für heute kümmert mich das nicht mehr.

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Traildog

Mit schierer Gleichgültigkeit schaut man in Filmen dem Sterben hunderter Menschen zu. Hauptsache es kracht und bietet Action. Aber wehe dem Regisseur, der einen Hund unter die Opfer schmuggelt. Da sind nicht nur alle Sympathien verloren, da kullert auch schon die ein oder andere Träne. Warum man als Mensch mehr Empathie für einen Hund als für andere Menschen empfinden kann, weiß ich nicht. Dass es jedoch so ist, weiß ich ganz genau. Drum ist es mir auch nicht begreiflich, wie man seinen treuen Hund in Mitten dieses Gebirges zurücklassen kann.

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Schon beim Aufstieg aus Olgunlar zum Dilberdüzü Camp werden wir von einem Vierbeiner eingeholt, der uns anschließend nicht mehr von der Seite weicht. Ab und an pendelt er zwar auf eigene Faust zwischen den Orten, Sucuk und Streicheleinheiten bringen ihn aber immer wieder zurück. Denn vornehmlich von Zweiterem kann er gar nicht genug bekommen. Hört man nur einen Moment auf durch sein schwarz-weißes, zotteliges Fell zu streifen, winselt er in herzerwärmender Manier um Verlängerung. Dieses Verhalten machte ihn bereits stadtbekannt. Zwar weiß niemand wirklich, wie er hierher geraten ist, die "Legende" erzählt allerdings von einem kaltblütigem Touristen, der ihn einfach ausgesetzt hat. Selbst Schuld. Er wusste wohl nichts von seinen Qualitäten als Traildog.

Wir tauchen zu dritt in den Nebel ein, der sich ausgerechnet heute wieder oberhalb des Camps gebildet hat. Ausgerechnet heute dringen wir auch nicht mehr aus ihm heraus, als wir auf 3500 Metern die Fahrbarkeitsgrenze erreichen. Die leichte Nässe legt sich wie ein Schmierfilm auf die Felsen und macht die ohnehin schon anspruchsvoll verblockte Abfahrt zur Herausforderung. Die aufeinander gestapelten, faustgroßen Steine rollen wild und unberechenbar aufeinander herum. Wie auf einem Trail aus wabbeligen Gymnastikbällen eier ich im wahrsten Sinne des Wortes den Weg hinab. Den steilen, von Spitzkehren übersäten Weg. Dass meinem Rucksack mittlerweile eine Schlaufe am Hüftgurt fehlt, begünstigt meine Fahrweise nicht zwingend. Unten wackeln die Steine, auf dem Rücken der Rucksack, irgendwo dazwischen ich. Spaß macht es aber allemal und fahrbar ist ebenso beinahe alles. Vier Beine gleiten dabei dennoch deutlich eleganter über das Gestein als es zwei Reifen tun. So ist unser Traildog immer eine Schnauzenlänge voraus. Erst ab dem Camp drehen sich die Verhältnisse, da der Pfad über lange Strecken zu einem wurzel- und steinlosen Traum mutiert.

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A Story about Cows
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Muratz und Sumru salutieren am Wegrand, als wir ihr Felsenreich verlassen. Ein trauriger Abschied. So viel haben wir ihnen zu verdanken. Unglaublich schöne Erlebnisse konnten wir nur wegen ihnen realisieren. Ihr Gastfreundschaft wird mir für immer im Gedächtnis bleiben. Trotz allem ist der folgende Abschied noch einen Grad trauriger. Endorphingeschwängert entlässt mich der sagenhafte Trail nach Olgunlar, an dessen Rand unser vierbeiniger Begleiter Halt macht. Halb zu uns, halb zurückgekehrt steht er in Mitten der staubigen Straße. Er schaut uns mit dem metaphorischem Hundeblick entgegen, macht allerdings keinerlei Anstalten auch nur einen Meter weiter zu folgen. Vermutlich stand er schon hunderte Male an dieser imaginären Grenze und hat schon hunderte Male beobachtet, wie seine neuen Freunde einfach verschwinden. Ihn zurücklassen. Ob er sich wohl fragt, warum er schon wieder verlassen wird? Oder ob er etwas falsch gemacht hat? Ich erwarte jederzeit, dass er zum Abschied kurz seine Pfote hebt. Glücklicherweise bleibt uns jene Geste erspart, die ich als einzige Möglichkeit ansehe, diese Situation noch trauriger zu machen. Stattdessen dreht er sich langsam herum und tappst einfach mit hängenden Ohren und gesenktem Schweif zurück ins Dorf, bevor er hinter der nächsten Hausecke verschwindet und wir uns nie wieder sehen.